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Blutssiegel - Kapitel 3

2006-02-02 @ 21:13 in Längere Geschichten

Hmmm... Die Zeilenabstände sind seltsam, aber John Wayne. Viel Spass :)

3. Wanakye

Die Menschen in Wanakye waren zumeist einfache Arbeiter, die ein wenig mehr zu den Göttern hielten als es ihnen gut tat und ein wenig mehr an Übernatürliches glaubten, als dass es nicht automatisch zu Angst mutiert wäre.

Um es kurz zu fassen: Sie waren normale Menschen, die sich nichts als ein schönes Leben ersehnten.

Die Männer gingen morgens an ihre Arbeit, die Frauen kümmerten sich um den Haushalt. Tagsüber konnte man auf dem leicht buckligen, fruchtbaren Boden Kinder spielen sehen.

Wayesh mochte weder Dörfer noch ihre Einwohner.

Die „Zivilisation“, die ohnehin nur schwach vertreten war, bedeutete ihm nichts. Sein Lebensraum waren die endlosen Ebenen, wo es alles gab, was man zum Überleben brauchte.

Bedächtig schritt er die Stufen zum zweiten Stock des Häuptlingshauses empor, sein Vater war samt Leibgarde auf Reisen. Somit hatte Wayesh für einige Tage die Befehlsgewalt über Wanakye… Praktisch, wenn ein Unglück geschähe.

Naliaka hatte er Tehyme anvertraut, einer Matrone, die an einem Tisch Platz für zwei brauchte. Das Gute an diesem furchteinflössend voluminösen Menschen war, dass er auch das Herz von zweien hatte – Wie eine Mutter war Tehyme. Seit Wayeshs leibliche Mutter gestorben war, hatte sich die mittlerweile ergraute Tehyme bestens um ihn gekümmert und war in jeder Angelegenheit hinter ihm gestanden.

Er wusste, dass Naliaka bei ihr bestens aufgehoben war.

Oben angelangt öffnete Wayesh die Tür seines Gemaches und trat ein – Gemach war schon beinahe zuviel gesagt, denn es war nichts als ein weiss gestrichenes Mörtelzimmer mit einem Fenster, einer Kleidertruhe, einem massiven Bett und einem Schreibtisch.

Der Sohn des Häuptlings machte sich nicht viel aus Habseligkeiten… Er erfreute sich an anderem.

Seufzend öffnete er die Truhe und begann, zwischen den darin liegenden Kleidern umherzuwühlen.

Ganz zuunterst musste sein, was er suchte…

Er war sich absolut sicher, es nicht verloren zu haben, denn hätte er das getan, wäre er längst tot.

Mit solchen Gedanken im Hinterkopf wühlte er noch schneller, bis er endlich auf etwas Kaltes, Rundes stiess und dieses Etwas hastig herauszog.

Es war eine Glaskugel, die auf einem einfachen Metallgestell befestigt war.

Wayesh wandte sich um und liess die Truhe offen, dann stellte er die Kugel aufs Pult und begann erneut, in der Kiste zu wühlen, bis er eine Phiole mit roter Flüssigkeit herauszog und die Kiste nun verschloss. Erneut kehrte er zum pult zurück, setzte sich diesmal jedoch auf den Stuhl und blickte kurz zur Tür heraus ob niemand in der Nähe war, bevor er sie leise schloss.

Nach dem entkorken der Phiole träufelte Wayesh einige Tropfen der Flüssigkeit auf die Kugel, die verheissungsvoll schimmernd vor ihm stand.

Nichts geschah.

Die paar Tropfen kullerten auf normale Art und Weise das Glas herab und waren drauf und dran, das Hartholz zu beschmutzen, als sich plötzlich etwas tat: Die Kugel glühte kurz auf, dann drangen Tropfen in sie ein – In ihrem Inneren ging die Reise für die Flüssigkeit jedoch weiter, die einzelnen Tropfen zogen sich in der Mitte zusammen und bildeten eine schwummrige, rote Kugel in der Mitte der durchsichtigen Glassphäre.

Wayesh kannte diesen Prozess schon viel zu lange… Müde sah er zu, wie das Rot sich ausbreitete und allmählich die ganze Kugel ausfüllte, bis diese in ein allumfassendes, mattes Bordeaux getaucht war.

Ein Effekt, als fiele ein Tropfen in eine Pfütze, zeigte sich plötzlich in der Mitte der Sphäre. Erst nur einmal, dann zweimal und plötzlich immer mehr, bis sich ein konstantes Bild im Glas formte und ein Gesicht sich abzuzeichnen begann:

Mickrige Züge, langes Kinn, Stupsnase und derart eingefallene Augen, das das Schwarz um sie herum das halbe Gesicht einzudecken schien.

Die Augen selbst waren, trotz dem verfärbenden Rot, undefinierbar: In braunem Untergrund legte sich ein blauer Schatten über ein grünes Muster.

Das ganze sah ziemlich furchterregend aus, wenn man Zahayk zum ersten Mal sah… Alleine schon die eng zusammengepressten, dürren Lippen sprachen Bände von Bitterkeit.

Das Einzige, was das Gesicht des Hexenmeisters einigermassen Menschlich erscheinen liess, waren die strähnigen, weissen Haare, die unkontrolliert zu allen Seiten den Kopf hinab hingen.

Wayesh, was für eine angenehme Überraschung…

Ein hämisches Grinsen legte sich auf das gespenstische Gesicht in der Sphäre.

„Nicht meinerseits.“, erwiderte Wayesh trocken und hätte die Kugel am liebsten zerschmettert.

Was führt dich zu mir?

Zahayks Tonfall hatte sich im Nu geändert. Das Grinsen war erloschen und der heuchlerische Ton verstummt. Die Stimme erklang nunmehr kratzig in Raum.

„Ich denke, ich habe, was du suchst.“

Soso… erstaunlich, dass es so etwas überhaupt noch gibt. Nun, ich vertraue dir einfach einmal und gehe davon aus, dass er wirklich das ist, was du denkst, erwiderte die Stimme aus der Kugel, während man dem Kopf die Gier ansehen konnte.

„Was soll ich tun?“, fragte Wayesh, darauf hoffend, Naliaka nicht schaden zu müssen.

Das Gesicht in der Sphäre lächelte arrogant und sagte:

Verkenne da nicht eine Spur Hoffnung in deiner Stimme?

Wayesh schüttelte den Kopf.

„Nein. Und nun sag mir, was zu tun ist, Zahayk.“

Gutgut, antwortete der Hexenmeister, als nächstes wirst du dir notieren wie er sich bewegt, wie er aussieht und ob an ihm irgendetwas Auffälliges zu erkennen ist.

In ein paar Tagen schickst du deine Recherchen per Falke an Konry Zekya im Tempel der Jahya. Er wird deine Arbeiten dann an mich weiterleiten.

Der Häuptlingssohn nickte widerstrebend. Dass der Hohepriester Konry Zekya ein Kontaktmann Zahayks war, war nicht verwunderlich. Auch die Nähe zu den Göttern schützte niemanden vor der Hexerei, die der wahre Alleinherrscher über Kimbal war.

„In Ordnung, in einigen Tagen werde ich das Dokument versenden.“

Triumphierend legte Zahayk den Kopf schief und betrachtete Wayesh inniger als normal.

Sehr gut… Und ich warne dich nur einmal. Tue nichts, was meinen Studien schaden könnte, sonst wirst du es den Rest deines Lebens bitter bereuen.

Sofort verzerrte sich das Bild und mit einem Mal war die Farbe aus der Kugel entwichen und das Glas wieder klar und durchsichtig… Von dem eben geführten Gespräch würde nie mehr irgendjemand erfahren. Und Wayesh war froh darüber, wenn er bedachte was passieren konnte, wenn er aufflog…

Naliaka mochte die alte Tehyme gut leiden.

Es war eine sehr freundliche, aufgeschlossene Person, die der Neuen im Dorf kurzerhand etwas zu Essen gegeben und ihr ein schönes neues Kleid geschenkt hatte, welches in diversen Beigetönen aus dem schönsten Stoff geschneidert worden war, den die Bediensteten der Häuptlingsfamilie hatten finden können.

Da das Kleid jedoch eher zur Eleganz dienen sollte, wollte Tehyme Naliaka noch eine passende Seitentasche geben, nach der sie nun eine gewaltige Truhe durchsuchte.

„Einen Moment, Kindchen, da wird wohl noch etwas zu finden sein“, murmelte sie, während sie sich tief in den massiven Behälter hinunterbückte und den Anschein machte, als wolle sie darin tauchen gehen.

„Gib mir sonst einfach die Nächstbeste, wirklich, ich achte nicht auf Mode!“, erwiderte Naliaka schmunzelnd und fand es drollig, wie die alte Frau sich um ihr Wohlergehen bemühte. Diese schien sie jedoch zu ignorieren und zog nach kurzem Warten eine ansehnliche, erdbraune Seitentasche hervor, deren Riemen man einfach über die Schulter tragen konnte und in der sich viel Platz für allerlei Dinge befand.

Dankend nickte Naliaka und legte sich die Tasche um. „Nun, Tehyme… Ich hätte noch eine Frage.“

„Die wäre?“, fragte die alte, freundlich aussehende Frau, Naliaka anlächelnd.

„Was will Wayesh eigentlich?“

„Oh, das weiss ich nicht genau“, erwiderte Tehyme achselzuckend, „er weist niemanden in seine Pläne ein, nicht einmal seinen Vater… Manchmal kommt es deswegen zu Streit, doch kurze Zeit später entschuldigt Häuptling Ergon sich und alles wird wieder wie vorher… Obwohl er ja meist Recht hat.“

„Ah“, antwortete Naliaka stirnrunzelnd und wollte noch etwas fragen, als es an die Tür klopfte.

„Wer ist da?“, rief Tehyme, wohl wissend dass es wohl nur einer sein konnte, der an die Gästezimmertür klopfte…. Eine Männerstimme erklang von draussen:

„Wayesh.“

Hastig schickte sich der freundliche Fleischberg an, die Tür zu öffnen und den Häuptlingssohn einen Blick auf Naliaka werfen zu lassen. Das Staunen war kaum zu Übersehen.

„Du siehst… blendend aus!“

Sie errötete ganz leicht, doch Wayesh lenkte das Gespräch hastig um.

„Naliaka, ich würde dir gerne das Dorf zeigen… Nur damit du weißt, wo du was findest, in deiner neuen Heimat.“

Er lächelte charmant und legte Naliaka fürsorglich einen Arm um die Schulter, während er sie aus dem Raum in die Eingangshalle und durch das ziemlich grosse Tor auf den Weg zum Dorf führte.

Wanakye war ziemlich einfach aufgebaut: Am Fusse des Kyake waren die Häuser der Bewohner angesiedelt, von wo aus ein säuberlich gearbeiteter Weg, auf dem notfalls sogar ein Karren bequem heraufgezogen werden konnte, hinauf zur Häuptlingsresidenz führte, welche von Aussen dezent an einen Tempel erinnerte.

Von diesem eher kleinen Plateau aus führte wiederum ein verschlungener Pfad durch zwei grosse Felsen hindurch, den Kyake empor.

Der Berg selbst war knappe tausend Meter hoch und von einer völlig eigenen Flora bewohnt: Bergwälder aus Nadeltannen, viele eigentümliche Tiere und etliche uralte Ruinen, von denen niemand genau wusste, woher sie stammten.

Naliaka mochte Wayeshs Nähe. Bei den meisten Menschen empfand sie Abneigung, wenn sie Körperkontakt herstellen wollten, doch dieser ominöse Mann hatte eine solche Ausstrahlung, dass es ihr nicht einmal etwas ausgemacht hätte, wenn er sie hätte umarmen wollen… Eher im Gegenteil.

So schnell es nur ging vertrieb Naliaka den Gedanken wieder und sah Wayesh grinsend an, während er verträumt in den Himmel starrte und noch immer einen Arm um ihre Schulter gelegt hatte.

„Es tut gut, gehalten zu werden, wenn man Jahrelang nur abgestossen worden ist“, bemerkte sie, noch immer grinsend und zog somit Wayeshs Aufmerksamkeit auf sich.

Leicht schüchtern lächelte er und antwortete:

„Es tut gut, jemandem zu Helfen.“

Sie beide lachten kurz und setzten dann ihren Weg den Hügel hinab fort – Kurz darauf waren sie im Dorf angekommen und wähnten sich zwischen einfachen, blockförmigen Lehmbauten, etwa zwanzig an der Zahl, die rund um einen geebneten und gemähten Platz Standen, in dessen Mitte sich ein Ziehbrunnen befand.

Kinder Spielten lachend Ball, Fangen oder fochten mit Holzschwertern vergnügliche Freundschaftskämpfe.

Unter gespannten Tüchern, die eine schattige, bequeme Nische unter den Hauseingängen erzeugten, sassen ältere Menschen, unterhielten sich oder gingen leichten Arbeiten wie Nähen, Schnitzen oder dem Knoten von Seilen nach.

„Wie überleben die Leute hier? Vegetieren sie nicht in Armut?“, fragte Naliaka erstaunt, als sie die kleinen Häuschen und einfachen, aber zufriedenen Menschen sah, die ihrem Tagwerk nachgingen.

„Keineswegs. Ihr Leben mag schlicht aussehen, doch sie haben alles was sie brauchen und beschweren sich nie. In Wanakye kennt jeder jeden, und so macht es den Händlern meist nichts aus, wenn jemand gerade nicht genügend Geld hat. Sie haben ein schönes Leben, weil sie einander zu Helfen wissen.“

Interessiert über den einfachen Lebensstil der Bewohner von Wanakye blickte sich Naliaka um – Und musste am Ende Wayesh Recht geben.

Diese Leute sahen Glücklich aus.

Sie waren keine Sklaven des Lebens…

Dieses Bild machte ihr insgeheim Angst.

Eine wohlbekannte Furcht beschlich Naliaka, doch im Schlimmeren Mass als je zuvor: Sie hatte Angst, diesen Frieden, diese ländliche Ruhe zu zerstören.

Dass sie die Macht dazu hatte war ihr bekannt, doch wollte sie diese nie einsetzen… Sie hatte nie das sein wollen, was sie war, was in ihr Lebte, was ihre Seele verfluchte und auf ihr Selbstwertgefühl spuckte wie schon so mancher Mensch und so manches Gefühl in ihrem Leben.

„Haben sie… Waffen?“

„Warum?“

Fragend sah Wayesh sie an und es machte den Anschein, als würde er Naliaka fester an sich pressen.

„Weil…“ Wieder wurden ihre Augen wässrig und sie schaute beschämt auf dem Boden.

„Blödsinn“, erwiderte Wayesh lächelnd und legte sanft seine freie Hand unter Naliakas Kinn, bevor er ihr Gesicht mit leichtem Druck so wandte, dass sie sich in die Augen sahen.

„Ich werde dich nicht sterben lassen. Lieber sie als du…“

Noch bevor das Gespräch weitergehen konnte, wurde es unterbrochen.

Erschrocken wähnten die Beiden eine Horde Kinder vor sich und so manch einer, der im Schatten seines Vordachs sass, schmunzelte wissend.

„Herr Wayesh!“, begann ein rund zehnjähriger Junge, der ein Holzschwert in der Hand hielt, „habt Ihr eine Geliebte?“

Fast zeitgleich erröteten Naliaka und Wayesh, und zu Naliakas Überraschung erwiderte Wayesh: „Ja Kabey, das ist meine Geliebte. Sie heisst Naliaka und kommt aus Syskay.“

Einen Moment lang überlegte die „Geliebte“, ob sie intervenieren sollte, kam jedoch zum Schluss, dass Wayesh bestimmt wusste, was er tat.

„Wann werdet Ihr heiraten?!“, rief plötzlich ein kleines Mädchen mit wilden braunen Locken. „Im Moment wissen wir das noch nicht, aber wenn wir uns entschliessen, werdet ihr es natürlich erfahren!“

Wayesh lachte und fügte noch hinzu:

„Ich wollte aber eigentlich Naliaka die Stadt zeigen. Wenn ihr uns also entschuldigen würdet…“

Die Kinder nickten und kehrten schon sehr bald zu ihren Tätigkeiten zurück.

„Seit wann bin ich denn deine Geliebte, Schatz?“, witzelte Naliaka frech und gab Wayesh einen sanften Klaps auf die Schulter.

Er sah sie an, noch immer mit dem Arm um ihre Schulter und erwiderte:

„Eine Fremde, dich ich in einer Stadt aufgelesen habe und den Grund dafür selbst nicht kenne gerät schneller in Verruf als die Zukünftige Häuptlingsfrau… Liebling.“

Ein Grinsen zierte seine maskulinen Züge und Wayesh führte die hell lachende Naliaka weiter.



Blutssiegel - Kapitel 2

2006-01-17 @ 19:34 in Längere Geschichten

voilà.

Die Feldwege in der nahen Umgebung von Syskay waren noch ziemlich gut sichtbar, wenn man sie mit den verworrenen Erdstreifen in der Wildnis verglich.
Es würden rund zwei Reisetage werden, wobei Wayesh hoffte, dass es noch keine Probleme geben würde.
Scheinbar beherrschte Naliaka das Reiten doch, denn sie hielt sich durchaus so im Sattel, dass man ihren Reitstil als Elegant bezeichnen konnte, trotz der verdreckten, ausgemergelten äusseren Erscheinung, die beseitigt werden würde, sobald sie in Wanakye ankämen.
Gerade, als ein sanfter Westwind über die Prärie strich, die Halme mystisch im Wind bog, als würden sie sich vor einem Kaiser auf die Knie werfen, die Mähnen der Pferde und das Haar ihrer Reiter sanft wehen liess, begann Naliaka ein Gespräch.
„Weshalb habt Ihr mich gekauft?“
Wayesh sah hinüber und seine Begleiterin an.
„Nenne es eine Befreiungsaktion“, erwiderte er trocken.
Die Sklavin sah zu ihm hoch, einen fragenden Glanz in den Augen.
„Aber wieso?“
Plötzlich schmunzelte der Häuptlingssohn und räusperte sich, wie er es öfters tat.
„Schon vergessen? Ich bin ein Irrer!“
Naliaka lachte.
„Das glaube ich Euch…“
Nun begann auch Wayesh zu lachen, woraufhin jedoch wieder Stille eintrat.
Beide betrachteten die Natur um sich herum:
Habichte und Bussarde, möglicherweise sogar ein Steppenadler dazwischen, kreisten am Himmel, stets nach Beutetieren suchend.
Hin und wieder raschelte etwas durchs meterhohe Gras, was meistens mit dem Hinabstossen eines Raubvogels beantwortet wurde.
Einige einsame Weiden- und Laubbäume brachten Abwechslung in die Endlose Prärie, während kleine, plätschernde Bäche die Natur um sich herum nährten und dem Boden das zurückgaben, was die Bäume und Wiesen ihm entzogen.
Fast das ganze Land war auf diese Weise beschaffen.

Zwar gab es im Süden einige Hügelketten und in dem Mitte von Kimbal einen grossen See, sowie im nahen Norden von Wayeshs Dorf einen ansehnlichen Berg, doch grundsätzlich konnte man davon ausgehen, stundenlang durch monotone Prärie zu reiten und bis an den Horizont zu sehen.
Wayesh liebte dieses Terrain, er identifizierte es am ehesten mit Freiheit.
Wo andere sich beim Ritt durch das Grasland langweilten, konnte er stunden- und tagelang durch Kimbal reisen und hatte selbst dann noch nicht genug.
Den grössten Teil seiner Zeit verbrachte er in der Wildnis, jagte, forschte oder ritt ziellos umher.
„Du brauchst übrigens nicht die Höflichkeitsform zu benutzen“, griff Wayesh die Diskussion plötzlich wieder auf, „Du bist keine Sklavin mehr.“
Verwundert sah Naliaka zu ihm hinüber.
„Ihr… Ich meine… Du scheinst wirklich verrückt zu sein. Zweitausend Goldstücke für eine Sklavin, die du nicht als solche willst und die dir nur Ärger bringen wird.“
Verständnislos schüttelte die Schönheit auf der Stute ihren ansehnlichen Kopf.
„An wen bin ich hier bloss geraten?“
Obwohl Wayesh genauestens wusste, dass diese Frage rhetorisch gewesen war, antwortete mit einem einfachen „An jemanden, der dir helfen kann“ und betrachtete wieder die schier endlose Prärie, den Blick von Naliaka abwendend.
Es war bereits späterer Nachmittag, die Sonne hatte den Zenit seit einigen Stunden schon verlassen.
Wayesh war überaus glücklich mit den Ergebnissen des Tages: Er hatte gefunden, was er so lange erfolglos gesucht hatte.
Zahayk würde sich über diesen Fund freuen, und endlich würde auch der Häuptlingssohn selbst mit seinen Studien vorankommen…
Hoffte er jedenfalls.
Spätestens das erste Opfer würde zeigen, ob sich die zweitausend Goldstücke gelohnt hatten.
Wieder strich ein sanfter Wind über die Ebenen und Wayesh erkannte in der Ferne einen grossen, gen Himmel gespitzten Felsen. Es war der Dakmya, ein Fels von dem gesagt wurde, dass die Götter selbst ihn an seinen Platz gestellt hatten… Und irgendwie fand der Häuptlingssohn, dass das stimmen musste, denn der Dakmya kennzeichnete die exakte Mitte von Kimbal.
„Wir werden am Dakmya rasten, die Nacht bricht schon langsam herein.“, schloss Wayesh kühl und beschleunigte zu einem leichten Galopp.
Naliaka tat es ihm schmunzelnd gleich.
Irgendwie fand sie seine Art speziell… Er war stets kühl, und doch versprühte dieser fremde Mann eine Wärme, wie sie es noch nie erlebt hatte.
Auch wenn sie seine Motive nicht kannte fühlte sie sich so weit geborgen, dass sie überhaupt nicht daran dachte, ausreissen oder ihn töten zu wollen… Eigentlich hatte sie noch nie jemanden wirklich töten wollen, doch es gab Phasen, in denen sie sich nicht kontrollieren konnte.
Bisher hatte ihr diese Eigenschaft grösstenteils Glück gebracht…
Beim Dakmya angekommen stiegen sie beide von ihren Pferden ab.
Es gab keine Möglichkeit, sie anzubinden, doch das war auch nicht nötig. Wo Ayan hinging ging auf die Stute hin, und wenn Wayesh Ayan zurückrief, folgte er immer.
Schweigend knöpfte der Häuptlingssohn sein edles Kleid auf und warf es achtlos über einen umherstehenden Felsbrocken.
Naliaka sah ihm zu, wie er, in eine luftige, braune Leinenhose und ein weites Hemd gekleidet sein Gepäck von Ayan herunternahm und es vor sich hinlegte. Sie tat es ihm nach und nahm Sattel sowie sämtliche Taschen vom Rücken der Stute herunter.
Wie auf Befehl verschwanden die Pferde in der Prärie und Wayesh bleib mit Naliaka allein zurück.
Ohne eine Konversation einzugehen zog Wayesh einen geschmeidigen, nicht allzu langen Speer aus seinem Gepäck hervor.
„Ich gehe jagen“, wandte er sich an die Frau, „In meinem Gepäck findest du ein Bündel trockenes Holz. Mach bitte Feuer.“
Lächelnd nickte sie und begann sogleich, das Gepäck nach dem Holz zu durchsuchen, als ihr Begleiter im hohen Gras verschwand.
Um den Dakmya herum war das Gras stets gut geschnitten und etliche Feuerstellen dienten Reisenden als Rastpunkt.
In der Nähe lebten Einsiedler, die sich hin und wieder um den heiligen Felsen, der steil in die Spitze ragte und an die Statue einer Klinge erinnerte, kümmerten.
Naliaka wusste das nur, weil ihr letzter Besitzer ein fahrender Händler gewesen war.
Er war weniger grausam gewesen als der Käufer vor ihm, doch er hatte trotzdem sterben müssen… Das musste jeder, der Naliaka nicht in einem Käfig festhielt.
Seufzend kniete sie sich nieder und begann, die Holzscheite zu einer Pyramidenform zusammenzustellen.
Es war ihr ein Rätsel, was dieser Wayesh von ihr wollte.
Er hatte auf die Sklaven auf der Bühne verzichtet und dem Händler zweitausend Goldstücke gegeben, für eine Sklavin, die er nicht einmal als solche wollte… Sie durfte ihn duzen, sprechen wann immer sie wollte und musste weder Hand- noch Halsschellen tragen.
Zwar wusste Naliaka nicht, wo dieser merkwürdige und –zugegebenermassen- hübsche Fremde sie hinbrachte, doch er machte keinerlei Anschein, als wolle er ihr schlechtes.
Als das „Zelt“ stand, füllte Naliaka die Lücken mit trockenem Laub und setzte sie durch Reibung mithilfe eines kleinen Stocks in Flammen.
Kurzerhand wähnte sie sich einem ansehnlichen, fröhlich tänzelnden Feuerchen gegenüber.
Schweigend setzte sie sich auf der anderen Seite hin, mit dem Rücken gegen den Dakmya lehnend. Irgendwie vermittelte der heilige Fels ihr eine spirituelle Wärme, ein Gefühl, welches ihr sagte: Es wird gut.
Es war bereits gut. Zu gut…
Irgendwie fühlte sie sich viel zu geborgen. Möglicherweise war es die monatelange Einsamkeit, die Schläge und die Angst gewesen, die ihr die Kenntnis der Geborgenheit genommen hatten, Naliaka wusste es nicht.
Sie wusste lediglich, dass auch dieses Glück, diese Freiheit, irgendwann enden musste… So wie alles, was sie bisher in ihrem Leben gehabt hatte.
Ihr anfangs glückliches Leben, die Zeit ihrer Sklaverei. Alle Phasen waren geendet.
Doch die Angst vor der Vergänglichkeit war nicht der einzige Gedanke, der sie beunruhigte… Was wäre, wenn sie selbst das Ende dieser neuen, besseren Zeit einläutete? Niemand akzeptierte ihresgleichen, was war schon immer so gewesen und würde bis in alle Ewigkeit so bleiben.
Und Naliaka verstand dieses Denken auch. Sie selbst hatte einst so gedacht, bis sie mit dem Feind in sich selber konfrontiert worden war.
Sie war in diesem Kampf unterlegen, hatte sich ihrem Feind gebeugt und hatte sich daran gewöhnt, gehasst zu werden.
Der Sklavenhändler hatte Recht gehabt: Entweder wusste Wayesh nicht, worauf er sich bei ihr einliess, oder er war tatsächlich verrückt…
Noch eine Weile starrte Naliaka nachdenklich und aus vielsagenden, geprägten Augen in die tanzende Flamme.
Schon etwa eine halbe Stunde später kam Wayesh, beladen mit einer jungen Antilope, zurück.
Das braune Tier war bereits ausgeweidet und ausgeblutet, weswegen Wayesh nur noch mit einem Dolch den Pelz entfernen musste, damit die Beute kurz darauf über dem Feuer braten konnte.
Er und Naliaka starrten schweigend in die Flammen, als das Fleisch triefend an Stöcken über den Flammenzungen hing.
Die Nacht brach sachte herein und der Mond erhob sich wie üblich schon lange, bevor die Sonne in den Prärien verschwunden war.
Angesichts dieses Schauspiels wandten beide beinahe gleichzeitig den Kopf ab und betrachteten den verschwommenen, roten Horizont, der die rote Kugel, welche kontinuierlich sank, langsam verschlang.
Der Mond über der Sonne brachte ebenfalls sein silbernes Licht zum Vorschein, in welchem die ganze Szenerie wie ein nie endender Zyklus erschien… Der es eigentlich auch war.
Unentwegt beobachteten Naliaka und Wayesh den Sonnenuntergang, bis nur noch ein winziger, roter Strich über die im Winde wehenden Halme blickte, der Himmel zuerst noch rot war und danach gleich in eine helle Dunkelheit wechselte, wie sie typisch für den Tageslauf von Kimbal war.
Die Prärie war nie wirklich finster, zwischen den dunklen Nachtwolken sah man stets helle Streifen, die die endlosen Wiesen beleuchteten und die Wildgräser aussehen liessen wie ein wehendes Meer aus silbernen Fäden, die gen Himmel gezogen wurden.
Manch einer fürchtete sich beim Anblick dieses Spektakels, doch Wayesh liebte es…
Naliaka zitterte leicht und betrachtete den vollen Mond, wie er am Himmel stand und seit hunderten von Jahren gelassen immer dieselbe Bahn nahm, in der er nächtlich rotierte.
„Ist dir kalt?“, fragte Wayesh plötzlich, als auch das letzte Bisschen Sonne gewichen war.
„Warum fragst du?“, erwiderte sie kurz angebunden und scheinbar etwas verschüchtert.
„Du zitterst.“
Der Häuptlingssohn grinste und fügte hinzu:
„Wenn du willst, kannst du eine Decke haben, ich habe einige dabei…“
Lächelnd schüttelte Naliaka den Kopf und winkte spielerisch ab.
„Nein, nein, mir ist nicht kalt… Danke der Nachfrage.“
Wayesh lächelte zurück und zuckte die Achseln.
Gähnend lehnte er sich zurück und schaute in die matt silbern wogenden Wiesen.
„Warum wolltest du gerade mich?“
Hastig wandte er den Kopf und sah sein Gegenüber an, welches hinter dem Feuer und dem langsam bräunenden Fleisch kauerte und scheinbar irgendwie nervös war.
„Instinkt? Ich weiss es nicht…“
Wayesh lächelte ein wenig unsicher, doch als das Lächeln erwidert wurde vergrösserte sich seines von selbst.
Am besten sagte er ihr die Wahrheit nicht… Am besten gar nie.
Immer wieder sah Naliaka nervös in der Gegend umher, zitterte und kratzte sich am Kopf, als müsse sie sich ablenken.
„Wirklich?“
Fragte sie nach einigen Augenblicken.
„Ja“, erwiderte Wayesh.
Dann schwiegen sie sich wieder an, Naliaka in ihre Nervosität versunken und verzweifelt umherschauend, Wayesh betrachtete die im Mondlicht leuchtenden Felder, bevor er bemerkte, dass das Fleisch gar war.
Hastig nahm er das zubereitete Tier am dem Feuer und machte sich mit einem Dolch daran, die besten Teile herauszuschneiden.
Ein Stück des Hinterbeines reichte er Naliaka, er selbst nahm sich selbiges vom anderen Bein.
„Sollen wir die ganze Antilope essen?“, fragte sie, eine Augenbraue hochziehend und ein Stück abbeissend.
Wayesh lachte.
„Nein, nicht wirklich… Das meiste soll die Raubtiere von uns ablenken, wenn wir schlafen. Man kann nie wissen, was sich an einen heranpirscht…“
„Achso…“, murmelte Naliaka plötzlich nachdenklich, während sie auf dem zarten Fleisch der jungen Antilope herumkaute.
Noch immer machte sie einen nervösen Eindruck, der Wayesh verwunderte, aber auch ein wenig amüsierte.
„Was ist mit dir los?“, fragte er, einen kleinen Bissen essend.
„Nichts…“
Er schüttelte den Kopf und hakte nach:
„Du zitterst bestimmt nicht Grundlos. Bitte, sag mir, was du hast!“
Naliaka seufzte, ein wenig weinerlich, ein wenig genervt.
Sie redete nur ungern darüber, und doch wäre es unfair ihrem Retter gegenüber, ihn nicht zu Informieren.
„Du weißt ja scheinbar, was mit meinen beiden ehemaligen Besitzern geschehen ist… Und ich habe Angst, dass das wieder geschehen könnte.“
Verwundert sah ihr Begleiter sie an.
„Erzähl es mir, Naliaka.“
Ein freches Lächeln umspielte plötzlich ihre Lippen.
„Ich dachte, du wüsstest es? Jedenfalls hat es heute sehr danach geklungen!“
Wayesh schüttelte beschämt den Kopf, wobei seine schulterlangen, dunklen Haare sich wie eine Kaskade über seinen Kopf ergossen.
„Nein, entschuldige… Ich habe das nur gesagt, um dem Händler alle Argumente zu nehmen.“ Nun lächelte auch er frech.
„Nun gut“, erwiderte Naliaka mit einem wiederum deprimierten Ton, „ich werde es dir erzählen…“ Wayesh nickte, erhob sich, ging um das Feuer herum und setzte sich neben Naliaka wieder hin.
„Sie sind beide tot… Nur wenige Tage nachdem sie mich gekauft hatten wurden sie an einem Morgen jeweils zerfetzt und nicht mehr identifizierbar im Raum verteilt gefunden. Ich weiss nicht was es ist oder wie es kommt, aber irgendein Unglück verfolgt mich… Und da ich nicht will, dass du auch so endest, habe ich Angst.“
Verstört und im Schein der Flamme errötend blickte sie ihn an, ihre Augen leicht wässrig und den Kopf in den Händen haltend als würde sie zusammenbrechen, täte sie es nicht.
Wayesh wusste nicht, wie er antworten sollte, was er tun sollte… Er wusste nicht einmal, ob er Naliaka ansehen sollte.
„Das meinte er also mit „Du bringst nur Ärger“…“, murmelte er ein wenig gespielt erstaunt.
„Ja genau das… Und ich weiss nicht, was es ist, ich weiss nicht, wieso gerade ich es bin, die damit verflucht wurde!“
Verzweifelt schluchzte sie, und Wayesh hätte Naliaka in diesem Augenblick am liebsten in den Arm genommen, getröstet und ihr gesagt, dass sich alles richten liesse.
Eine Träne kullerte ihre Wange hinab und fiel hinunter ins kurze Gras unter ihr.
„Mach dir nichts daraus, Naliaka… Es wird schon gut gehen, heute jedenfalls. Und morgen werden wir in Wanakye sein und uns dort beraten.“
Erneut schluchzte sie und versuchte zu lächeln.
„Danke…“
Wayesh lächelte und legte ihr seine Hand auf die Schulter. Zumindest dieses Recht nahm er sich.
„Kein Problem… Du solltest versuchen, zu schlafen, denn der Kummer zerfrisst dich nur und bringt dich nicht weiter.“
Beschämtes Nicken und Schweigen folgte und kurze Zeit später befolgte Naliaka Wayeshs Rat.
Auch Wayesh selbst legte sich Schlafen, um am nächsten Morgen die Reise in gutem Zustand antreten zu können.
Bereits früh am Morgen wurden die beiden aus dem Schlaf gerissen. Ayan war zurückgekehrt und hatte sie mit sanftem Wiehern geweckt.
Die beiden redeten nicht über den vergangenen Abend, es schien alles gesagt und nichts passiert zu sein.
Sofort nach dem Aufwachen waren sich Wayesh und Naliaka einig gewesen, gleich loszureiten, denn Wanakye war ein ganzes Stück weit entfernt.
So hatten sie hastig ihre Sachen gepackt und die Pferde gesattelt und waren gleichzeitig mit der Sonne abgereist.
Eine etwas stärkere Brise herrschte an dem Tag, doch sie störte nicht – Sie erfrischte die Pferde und prickelte auf der Haut der Reiter, was sich durchaus als angenehm bezeichnen liess.
Noch immer machte Naliaka einen etwas angeschlagenen Eindruck, doch Wayesh wollte sie nicht darauf ansprechen… Er war sich sicher, dass es ihr dann nur noch schlechter ginge.
Ohnehin zweifelte er Zahayks Beweggründe an, doch es war unklug, mit einem der wenigen Hexenmeister auf Kimbal anzubiedern.
Wayesh hätte Naliaka am liebsten alles erzählt, die ganze Wahrheit, doch das wäre eigentlich nur Selbstmord gewesen.
Zahayk erfuhr alles. Und gefiel ihm etwas nicht, ging er über Leichen.
„Woran denkst du?“, fragte Naliaka plötzlich und lächelte Wayesh an.
Sie ritten in leichtem Trab, sodass sie zügig vorwärts kamen und nebenbei die Reisezeit mit ein wenig Konversation verkürzen konnten.
„Nichts…“, murmelte Wayesh und fühlte sich ertappt.
Naliaka grinste und fuhr fort:
„Wohin bringst du mich eigentlich?“
„Nach Wanakye“, erwiderte Wayesh, froh darüber, dass sein Begleiterin das Thema selbst gewechselt hatte, „einem Dorf am Fusse des Kyake. Ich bin der Sohn von Häuptling Zyhrik, also haben wir bestimmt genügend Mittel, dir zu helfen.“
Erfreut nickte sie.
„Sind die Leute in dem Dorf… Ängstlich? Ich meine, im Sinn von Aberglauben oder dergleichen…“
Nach kurzer Überlegung schüttelte Wayesh den Kopf.
„Ich denke nicht. Aber man kann nie wissen, erzähl also am besten niemandem von deinem Problem…“
„In Ordnung.“
Naliaka gab ihrem Pferd einen leichten Klaps, sodass dieses in einen Galopp überging.
Ayan mochte der Stute problemlos hinterher, und so jagten die Pferde sich wiehernd über die Ebene, während ihre Reiter lachend versuchten, ihre Pferde dazu zu bringen, einander überholen.
So verging der Tag, die beiden ritten unentwegt, manchmal im Galopp, manchmal nur im Trab oder trotteten sogar, wenn sie ein Gespräch hatten.

So lernten sie sich im Laufe des Tages besser kennen, und Wayesh hätte Naliaka den wahren Grund für den Kauf noch lieber gesagt als zuvor.
Auch sie selbst wollte Wayesh sagen, was es mit dem „Unglück“ auf sich hatte, doch wusste sie genau, wie die meisten Menschen darauf reagieren würden… Und auch Wayesh traute sie einen Mord zu, obschon er ein liebenswerter, freundlicher Mann war.
„Wir sind bald da“, schloss er, als sie an einem etwas breiteren Bach als üblich entlangritten.
In der Ferne war längst der Kyake, der einzige Berg auf Kimbal, sichtbar geworden, und schon kurz darauf waren die ersten Häusersilouhetten gut erkennbar gewesen.
Der Ritt würde noch ungefähr zehn Minuten dauern, bis Wayesh sich zuhause wähnen und Zahayk bericht erstatten konnte.
Zahayk Bericht erstatten MUSSTE…


Blutssiegel

2006-01-08 @ 16:37 in Längere Geschichten

Hier ist mein erstes vollendetes, längeres Werk... 36 DIN A4 Seiten bei
Schriftgrösse 12. Jede Woche wird hier ein neues Kapitel zu lesen sein.

Die Sonne schien hell auf die von Weideland umgebene Stadt Syskay. Zwischen den blockförmigen Lehmbauten und den landestypischen, bunten Laubbäumen herrschte reges Treiben: Auf dem allwöchentlichen Markt priesen Gemüse-, Fleisch- und Stoffhändler ihre Waren an, weissbärtige Geschichtenerzähler sassen auf ihren verzierten Teppichen, die Bücher auf altersschwachen Knien aufgeschlagen und Horden von begeisterten Kindern vorlesend. Sklavenhändler stellten auf Bühnenartigen Holzgebilden ihre lebende Ware zur Schau und im Allgemeinen waren die Leute an diesem Tag sehr geschäftig – Wie jeden Markttag.
Wayesh befand sich ebenfalls unter den Betrachtern der in Fetzen gekleideten Menschen, die sich vor Hunger, Durst und sonstiger Auszehrung kaum noch auf den Beinen halten konnten, von den kurzen Ketten der Halsschellen jedoch zum stehen gezwungen der Masse zur Schau gestellt wurden.
Hier stand ein hünenhafter Sklave für dreitausend Goldstücke zum Verkauf, andernorts eine hübsche, junge Frau, deren Besitz dem Käufer fünfhundert Münzen weniger als ihrem Vorgänger abverlangte.
Alles schon gesehen, alles schon zu genüge und mit Klarheit abgelehnt. Wayesh hatte sich noch nie für die Art Sklave interessiert, die es auf jedem beliebigen Markt zu kaufen gab… Er benötigte etwas Anderes.
Etwas, das man nur mit Glück finden konnte, wenn man es denn überhaupt irgendwie finden konnte…
Schon seit Stunden betrachtete der Häuptlingssohn die zum Verkauf ausgestellten Diener, doch keiner der Unglücksraben entsprach seinen Wünschen.
Betrübt ging Wayesh der Menschenmasse entlang, manchmal auf die diversen Sklaven schauend, manchmal nicht. Im Grunde war es immer dasselbe: Er besuchte jeden Markt und wurde dennoch nie fündig. Langsam wurde er des Suchens überdrüssig, es machte den Anschein, als gäbe es das was er suchte überhaupt nicht, als wären die langen Monate des Fahndens nach dem Ziel reine Zeitverschwendung gewesen.
Er hatte es satt… Niedergeschlagen machte sich Wayesh zurück auf den Weg zu seinen Pferden. Das Eine würde wieder ohne Reiter bleiben…
Abrupt blieb er stehen.
„Heute Abend wirst du sterben!“, hatte der Häuptlingssohn plötzlich eine nervöse, hohe Stimme sagen hören. Sie konnte nicht weit entfernt gewesen sein, denn wäre sie das gewesen, so hätte ihr Besitzer laut genug schreien müssen, um viele Dutzend feilschende Händler und Kunden zu übertönen.
Wayesh machte verwundert einige Schritte rückwärts, nachdem er gerade hinter der Holzwand einer „Sklavenbühne“ verschwunden war.
„Immer hat man nur Ärger mit dir! Nichts als ÄRGER!“
Ein lautes Geräusch von Holz, das auf Holz schlug, war zu vernehmen und endlich erkannte Wayesh, wo sie die Szenerie abspielte, die er einige Sekunden vergeblich mit seinen klugen, blauen Augen gesucht hatte:
Ein dicker, untersetzter Mann in einem modischen Männerkleid, der eine in eine Ecke eines Holzkäfigs gedrängte Frau anschrie und mit einem massiven Knüppel gegen die Gitterstäbe schlug war die Lärmquelle, welche das Theater direkt auf der anderen Seite der Wand in einer Ecke vorspielte.
Der Sklavenhändler interessierte Wayesh jedoch kaum, vielmehr war es die Frau im Käfig, die seine Aufmerksamkeit auf sich zog.
Das verängstigte, und doch apathische Zucken, das bei jedem Schlag gegen den Käfig zu erkennen war, die gezwungen kauernde und doch aufmüpfige Haltung und das schweigende Trotzen sagten ihm zu.
Nun wagte er sich doch noch ganz hinter der Trennwand hervor und betrachtete die Lage etwas genauer:
Weshalb die Schönheit im Käfig in selbigem, und nicht an einem Vorzeigepfahl war, war dem zur Heimreise gestimmten Mann ein Rätsel… Wayesh ertappte sich dabei, wie er unentwegt diese Sklavin anstarrte, wie sie verschüchtert und doch nicht ganz resigniert auf die Beschimpfungen und Wuthiebe ihres Besitzers reagierte.
Der Häuptlingssohn machte sich nichts aus der Sklaverei, doch war sie der einzige Weg, an das heranzukommen, was er wollte, sofern er es je finden konnte… Was er fühlte, getan zu haben.
Noch einige Augenblicke betrachtete er das Schauspiel und ging dann, entschlossen und kühl wie er üblicherweise war, auf den hochroten Händler zu.
Etwa zwei Meter vor ihm blieb er dann stehen und lächelte, wie man es meistens bei den Erzählungen eines faszinierten Kindes tat.
„Genug habe ich von dir! Ich sage dir, genug!“
Zornig hieb der Mann weiter auf den Käfig ein, bevor Wayesh gespielt verlegen hüstelte und sich der puterrote Händler zu ihm umwandte.
Wäre sein rundes Gesicht nicht bereits von der Farbe einer Tomate gewesen, wäre er wohl spätestens jetzt errötet.
„Ich möchte gerne mit Euch handeln.“, begann Wayesh.
„Oh, ich hätte da Einige gute Sklaven zu anständigen Preisen anzubieten, mein Herr! Wenn Ihr mir doch bitte auf die Schaubühne folgen möchtet...“ Mit honigsüsser Stimme deutete der Händler auf einige der Sklaven auf der Bühne.
„Nein“, erwiderte Wayesh und winkte belächelnd ab, „Ich bin eher an dieser hier interessiert.“
„Sie ist nicht zum Verkauf, entschuldigt!“
Diesmal war es der Verkäufer, der abwinkte. Sein schleimiger Tonfall hatte sich innert kürzester Zeit in eine bittere, kalte Verneinung umgewandelt.
Kein guter Sklavenhändler, fand Wayesh, und hakte nach:
„Ich habe vorhin ziemlich deutlich vernommen dass Ihr vorhabt, sie zu töten… Es brächte Euch doch auch mehr, mein Geld in Euren Taschen zu wähnen, als Eure Hände mit dem Blut einer minderwertigen Sklavin zu beschmutzen? Kommt schon, ich biete Euch tausend Goldstücke für sie.“
Einen Moment lang schien der Dicke zu überlegen, schüttelte jedoch gleich darauf energisch den Kopf.
„Nein, nicht zu verkaufen.“
„Tausendzweihundert Goldstücke!“
„Nein.“
„Tausendfünfhundert!“
Erneut schien der Händler zu überlegen. Wayesh nutzte die kurze Gelegenheit, um zu bemerken, dass die Frau im Käfig angespannt dem Gespräch lauschte.
Aus dieser kurzen Distanz war sie sogar noch begehrenswerter als der Häuptlingssohn anfangs gedacht hatte.
Ausdrucksvolle, smaragdgrüne Augen, schwarzes, glattes Haar und eine natürliche, leicht bräunliche Hautfarbe liessen den Reisenden nicht verstehen, weshalb der Händler diese Frau nicht zu Überpreisen an den Nächstbesten verkaufte und sich ein schönes Leben machte. Was danach geschah, blieb ja nicht an ihm hängen…
„Glaubt mir, mein Freund, dieses Geschöpf bringt nichts als Unglück und Ärger… Schon zwei Mal habe ich sie verkauft, und beide Male habe ich sie nach einigen Tagen wieder aufgegabelt. Ihre Besitzer…“
„Das ist mir egal“, unterbrach Wayesh abrupt und der Sklavenverkäufer sah ihn fragend an.
„Wollt Ihr nicht zuerst zu Ende hören, bevor Ihr voreilig zu Handeln gedenkt?“
Wayesh schüttelte den Kopf.
„Ich denke ich weiss, was Ihr mir erzählen wollt. Und das ist mir egal…“
„So etwas kann Euch nicht egal sein. Entweder Ihr wisst nicht, was Ihr denkt, oder Ihr seid ein Irrer.“
Eine kurze, andächtige Pause folgte, in der die Diskutierenden sich musterten, unablässig anstarrten und am Ende Wayesh weiterfuhr:
„Zweitausend. Das Letzte Angebot eines Irren, bevor Ihr euch sein Geld nur noch Träumen werden könnt.“
Der Händler seufzte.
„Nun gut. Ich gebe sie Euch für zweitausend… Aber lasst Euch eines sagen: Ihr werdet diesen Handel noch früh genug bereuen, mein Herr.“
Ohne ein weiteres Wort zu verlieren kramte Wayesh einen Geldbeutel aus einer der vielen Taschen an seinem Reisekleid hervor und drückte sie in die feuchtwarme, fette Hand des Händlers.
Diesem schien das Nachzählen nicht wichtig zu sein. Hastig öffnete er den Käfig und bot dem neuen Besitzer der Sklavin den Griff der Halsschelle an.
„Macht sie bitte los. Und auch die Handschellen.“
Verwirrt starrte der Sklavenverkäufer sein Gegenüber an, die Frau mit der einen Hand und den Griff mit der anderen festhaltend.
„Ihr seid der Kunde…“
Kopfschüttelnd löste er auch noch die Fesseln und die Schelle, sodass die Sklavin nun absolut frei von jeglichen Ketten war.
Schweigend rieb sie sich die Unterarme, während Wayesh sie am Arm packte, den Händler zum Abschied grüsste und sie von dem Stand fortführte.
Als die beiden etwas weiter vom Händler entfernt waren, liess er ihren Arm los und stellte sich vor sie hin.
„Wie heisst du?“, fragte er in ernstem, sicherem Ton.
Zuerst passierte nicht viel, um nicht zu sagen nichts.
Die Sklavin rieb sich die Handgelenke und den mit einem nun roten Streifen versehenen Hals und blickte auf den Boden.
Wayesh wusste nicht, ob ihr die Begegnung unangenehm war, und plötzlich kamen Zweifel in ihm auf. Hatte er falsch gehandelt? Wäre sie, dieser namenlose, kürzlich noch todgeweihte menschliche Gegenstand doch lieber gestorben?
Es war nicht das Ziel, ihren Willen zu brechen. Zu Beginn hatte der Reisende noch gar nicht darüber nachgedacht. Er hatte sie nur gesehen und vom ersten Blick an gewusst, dass er sie hatte haben wollen.
Zahayk hatte Recht gehabt. Ihresgleichen waren schwer zu finden und noch schwerer zu verstehen, geschweige denn, sie dazu zu bringen, einen zu akzeptieren.
Ein seufzen entfuhr Wayesh und er sah die Schönheit ihm gegenüber noch konzentrierter an als zu Beginn. „Wie heisst du?“, wiederholte er seine Frage, irgendwie in seinem innersten durch eine fremdartige Sicherheit getrieben, nicht darauf hoffend, eine Antwort zu erhalten.
Jede einzelne Pore auf ihrem Gesicht schien Wayesh in seinem Gehirn zu speichern, sie aufzunehmen und für immer in Erinnerung zu behalten.
Trotzdem erwies sich seine fehlende Hoffnung als angebracht: Sie schwieg wie ein Grab, schaute zu Boden und rieb sich die schmerzenden roten Streifen an Hals und Armen.
Erneut seufzte er und zog sie sanft am Oberarm mit sich durch die Menschenmengen der sonnigen Stadt. Die Frau schien an Kraft verloren zu haben, denn ihr Gang war vielmehr ein schwaches Torkeln als ernsthafte Schritte, und so musste Wayesh sie schon fast hinter sich herschleifen, um sie nicht zu verlieren.
Sein Ziel waren die Ställe, wo er die Pferde angebunden hatte… Es war ihm wichtig, dass seine Begleiterin die Reise überstand, weswegen er absichtlich zwei Pferde mitgenommen und genügend Nahrung und Wasser für mehrere Tage auf sie geladen hatte.
Durch die Menschenmassen hindurch erkannte Wayesh nur das Strohdach der Gemeinschaftsstallungen, die direkt beim Ausgang angelegt waren.
Der Schritt seiner Begleiterin schien sich etwas normalisiert zu haben möglicherweise war es nur das lange, gezwungene Sitzen und die Anspannung gewesen, die ihr die Kraft aus dem Körper genommen hatten.
Durch Menschenmengen hindurchschlüpfend, die Sklavin gut festhaltend und ihr doch so wenig wie nur möglich Schmerzen zufügend, rückte Wayesh dem Ziel immer näher.
Die Städte im Land Kimbal waren nie allzu gross, auch gab es nicht viele davon.
Hauptsächlich durchzog nur endlose Prärie das Land und bot den Pflanzenfressern Schutz, den Jägern Tarnung und den Menschen fruchtbares Weideland.
Wayesh liebte es, durch das hohe Gras zu reiten, Herden von Vierbeinern davongaloppieren zu sehen und die Raubtiere bei ihren Streifzügen zu beobachten.
Ausser der Naturforschung tat der Sohn des Häuptlings von Wanakye keine Arbeit, schliesslich ermöglichte der Posten seines Vaters ihm ein unbeschwertes und gutes Leben.
Endlich hatten die beiden die Stallungen erreicht und Wayesh liess die Sklavin kurz los, um die Pferde aus den Mietställen zu holen.
Ayan, Wayeshs mächtiger Rappe wieherte fröhlich, als er seinen Herrn das Tor öffnen sah und folgte brav am Zügel nach draussen.
Ohne Anstalten zu machen blieb Ayan auf dem Stadtboden stehen und wieherte erneut, als er die Frau sah, welche offensichtlich zu seinem Herrn gehörte.
Das zweite Pferd, ein weit kleineres Weibchen zeigte keinerlei Gefühl, als Wayesh es am Zügel auf die Strasse zog.
Stattdessen trabte sie neben Ayan hin und rieb seinen dünnen Pferdekopf an seinem muskulösen, gepflegten Hals.
Möglicherweise würde sie ihm im Frühjahr ein Fohlen gebären, dachte der Besitzer der Beiden schmunzelnd und hoffte gleichzeitig darauf, dass die Sklavin, die ihren Namen nicht preisgeben wollte, reiten konnte.
Geschickt begann er, ihr aufs Pferd zu helfen. Erst in den Steigbügel, dann das Bein über den Nacken des Pferdes schwingen und auf der anderen Seite baumeln lassen.
Es ging ganz leicht, wie sich herausstellte, und in einem Bruchteil der Zeit sass Wayesh seinerseits auf Ayan.
„Können wir losreiten?“, fragte der Häuptlingssohn, nicht auf eine Antwort wartend und seinen Rappen gleichzeitig zu einem leichten Trab ansetzend.
Gerade als die beiden Reiter das Tor passiert hatten, öffnete die Sklavin ihren zierlichen Mund und grinste.
„Mein Name ist Naliaka, und ein Stück weit muss ich meinem ehemaligen Besitzer bezüglich Eurer Verrücktheit schon Recht geben, Herr Wayesh.“


Eine Story ohne Titel

2005-12-25 @ 21:17 in Kurzgeschichten

Der Zufall ist der einzig legitime Herrscher des Universums
-Napoleon Bonaparte

Einem Brechreiz nahe zog Aron einen Stofflumpen aus seiner Tasche und hielt ihn sich schützend vor das Gesicht.
Immerhin war sein linker Arm zu dem noch nütze, bei den Verletzungen, die ihm zugefügt worden waren, war es ein Wunder, dass er ihn überhaupt noch bewegen konnte.

Er lebte. Mit zwei Armen.

Ob sich der Soldat nun Freuen oder Schämen sollte, darüber wollte er gar nicht nachdenken, als er über das Schlachtfeld stapfte.
Mit ganzer Konzentration versuchte er, nicht auf die leblosen Leiber unter ihm zu treten, doch es liess sich alle paar Meter kaum verhindern.
Ein kühler Nordwind zerzauste Arons blutgetränktes Haar, das matt und glanzlos bis zu den Schultern hing. Gequält blieb er stehen und schweifte mit seinen Blicken über die Szenerie: Bis zum Horizont hin, in dessen Ferne sich ein spitzer Berg aufrichtete, war das frühherbstliche Gras mit Leichen bedeckt.
Teils waren sie grausam verstümmelt, manchen fehlten sämtliche Gliedmassen. Gebrochene Speere und Standarten lugten zwischen den Körpern empor, beim Gehen knickte Aron oftmals versehentlich auch Pfeile um, die in den Toten steckten.

Und wofür?

Die schwer werdenden Augen des Kriegers verengten sich, als ein Lichtstrahl in sie fuhr.
Für ein Stück Land. Für ein paar Goldmünzen. Für Ruhm und Ehre. Für die Erhaltung der eigenen Familie…
Ein extremes Unbehagen liess Aron erschaudern. Er schien meilenweit der einzige zu sein, der noch heil auf dem Schlachtfeld wandelte.

War er schuldig?

Natürlich.

Jeder Schwertstreich und jede Parade hatte seine Reinheit ein Stück weit fortgewaschen, wie ein Schwamm es in einer Schenke mit Essensresten auf einem Tisch tat.
Er hatte sich des Verrates an seinen Kameraden schuldig gemacht, denn sie waren tot und er der einzige, der noch lebte. Etwas musste er falsch gemacht haben.
Ein Stöhnen erklang aus der Nähe und der Überlebende fuhr herum.
Hatte jemand anderes sich retten können? War er doch nicht allein?
Ein Schweisstropfen rann seine Stirn hinab und er sah sich um.
Nichts. Niemand.
Plötzlich schoss etwas von unten hervor und legte sich eisern um seinen Unterarm, erschrocken schrie Aron auf und sprang instinktiv rückwärts.
Dann endlich sah er sie.
Geweitet und eisblau starrten sie ihn an, die beiden Augen, die zum Besitzer des Armes gehörten, der den Arm des Soldaten noch immer fest umklammert hielt.
Das Blutbad war im Gegensatz zu dieser Situation ein Kinderspiel gewesen – Blut war geflossen und Klingen hatten gebohrt, gehackt und geschlagen, doch alle waren durch einen gemeinsamen Leidensweg vereint gewesen, ob Freund oder Feind.
Jeder hatte den anderen verstanden, doch die Armut hatte keinen Frieden zugelassen.
„Nimm mich mit“, forderte der zwischen Leichen liegende Soldat mit schwacher Stimme. Sein Gesicht hatte wohl den Schlag eines Streitkolbens abbekommen, denn die eine Hälfte erinnerte mehr an einen rötlichen Brei als an die Visage eines Menschen. Die Knöchel in der Hand des Mannes färbten sich weiss, als Arons Reaktion ausblieb.
„Bitte…“, fügte der Verletzte an und deutete auf zwei blutige Stummel irgendwo im Leichenteppich hinter sich.
„Ich habe keine Beine mehr… Aber du kannst mir helfen!“
Das Gesicht des Mannes sprach Bände. Der Blutverlust versetzte den Sterbenden scheinbar in einen deliriumsartigen Zustand. Schweiss rann ihm in Bächen über das Gesicht und er begann zu zittern. Der Griff seiner bleichen Hand lockerte sich und Aron stand noch immer wie gebannt da. Er hatte Mühe, seine Gedanken zu verarbeiten.
Was für ein Wahnsinn war es, der die Welt beherrschte? Welcher Gott liess so etwas zu?
Eine Träne der Verzweiflung rann über sein Gesicht und er wollte einen Schritt zurückgehen, doch die Hand versteinerte in ihrem Griff erneut.
Der Sterbende schüttelte flehend den Kopf, seine Lippen zuckten.
Er wollte etwas sagen, doch die Schwäche nahm ihm selbst dazu die Kraft. Alles, was er noch konnte, war verbissen um Arons Anwesenheit zu kämpfen.
„Lass mich los!“, schrie der Soldat und versuchte, seinen Arm aus dem grausamen Schraubstock zu reissen, doch der Verblutende liess nicht locker. Seine weissblauen, glasigen Augen starrten Aron unentwegt an, als würden sie ihn Anklagen.
„LASS MICH LOS!“, schrie er erneut und Tränen lösten sich aus seinen geröteten Augen. Der Griff blieb so fest wie zuvor.
Rasend vor Panik zog Aron sein schartiges Schwert, und die Augen des Sterbenden weiteten sich noch ein Stück, als der Soldat ausholte. Mit voller Wucht versenkte Aron seine Waffe im schlohweissen Arm des Sterbenden und trennte ihn so sauber entzwei. Eine viel zu kleine Menge an Blut spritzte aus dem Stumpf und der Verletzte kreischte hell auf, den Blick noch immer auf Aron gerichtet, der nun zurückwich.
Nach einigen Sekunden des stummen gegenseitigen Anstarrens erhob der Mann am Boden ein letztes Mal den Zeigefinger der verbliebenen Hand und hauchte:
„Heute starben zwanzigtausend Menschen. Du bist der einzige Überlebende. Mörder!“
Dann sackte der Körper zusammen, die Atmung endete. Mit weit offenen Augen, die noch immer anklagend auf Aron blickten, liess der Tote das leben aus sich weichen.
Von einer Gedankenflut überschwemmt wandte der entgeisterte Soldat sich um und blickte gen Sonne.


Immerhin.


Er hatte überlebt.


Nach dem Ende

2005-12-25 @ 14:04 in Kurzgeschichten

GENRE: Fantasy/Tragikomödie

WISSENSWERTES: Habe damit beim Stauffacher-Kurzgeschichtenwettbewerb 05 mitgemacht, jedoch erfolglos.

Nach dem Ende

So hätte kein Märchen enden dürfen, nie im Leben… Es war pure Ironie, dass die Geschichte so endete, einfach absolut absurd.
Nun lag er also da, aus etlichen Wunden blutend, von Krallen und Zähnen zum Krüppel gemacht und vom Feuer geröstet. Seine Rüstung war bei letzterem geschmolzen und setzte sich nun schmerzhaft auf der Haut fest wie dickflüssiges, brennendes Wasser. Die Rüstung war kurzerhand zu einem Feuerofen geworden, zu einem geschmolzenen Stück Stahl, wie es wohl gerade beim Schmied auf dem Amboss lag, bei dem er seine Rüstung in jüngeren Jahren voller Stolz gekauft hatte.
Märchenritter war die falsche Berufswahl gewesen… Der Drache lag zwar geköpft neben ihm, doch er konnte nicht weg – Das Biest hatte ihn ein Bein gekostet und seine Rüstung so eingeschmolzen, dass er völlig reglos am Leichnam des Untieres angelehnt sass, sich kein Stück bewegen konnte und den Tod erwartete.
Das flüssige Eisen versengte seine Haut, doch er wollte weder schreien, noch weinen, noch irgendetwas anderes tun, um sich möglicherweise retten zu können.
Sein Leben war eine Ironie gewesen, nichts als eine Lüge. Er hatte jahrelang trainiert, Körper und Geist gestählt, hatte sich in den Rittertugenden belehren lassen und war brav jeden Sonntag zur Kirche gegangen.

Am Ende war nicht einmal die gerettete Prinzessin ihm hold gewesen. Als er da verkrüppelt in schmelzendem Eisen und triefendem Blut gelegen hatte, hatte die Maid ihn nur entsetzt angesehen, sich abgewandt und war davongerannt, ohne seine verzweifelten Rufe zu beachten. Nun hatte er nichts mehr, was verhinderte, ihn zu einem totalen Nihilisten mutieren zu lassen – Sein Glauben an das Gute, seine Sehnsucht nach der holden Maid, die er befreit hatte, seine stolze Rüstung und sein rechtes Bein. Alles weg.
Im Delirium des brennenden Schmerzes bemerkte er nicht einmal, wie das Eisen langsam fest wurde. In wenigen Minuten würde er sich kein Stück mehr bewegen können.
Wenigstens wusste er, jetzt, wo sein Leben verdammt war, wie es war, in flüssigem Eisen zu liegen.
Schon fast erregend brachte der Schmerz seine Nerven zum Pochen, liess ihn ein feuriges Schaudern fühlen und brach seinen Lebenswillen.

Um Gottes Willen, werde Schneider! hatte ihm seine alte Frau Mutter einst gesagt, als er seinen sonderbaren Wunsch geäussert hatte. Hätte er auf sie gehört, hätte ihm genau in diesem Augenblick möglicherweise Eine Nadel die Pulsschlagadern aufgestochen. Etwas Ähnliches hätte ihn nicht mehr verwundert, das Leben war für ihn ein Absurdium ohnegleichen. Erst nun taten sich ihm Grenzen auf, die niemandem auf der Welt hätten gesprengt werden sollen. Er begriff allmählich, was das Leben brachte. Tod. Verdammnis. Schmerzen. Enttäuschung.
Andauernd hatte er sich vorgestellt, wie er als alter Mann, umgeben von einer Horde Kindern auf der Veranda eines schönen Hauses sass, im Schaukelstuhl umherlümmelnd und eine Pfeife stopfend. Das kleinste Kind, ein liebreizendes Mädchen von zwei Jahren, hätte auf seinem Schoss gesessen.

Habe ich euch die Geschichte vom Drachen schon erzählt?, würde er fragen, und seine Enkel würden mit Freuden seinem prosaischen Können lauschen, während himmlische Düfte die Tür von Innen verliessen. Die Maid backte wieder Kuchen, Kuchen, dieses herrliche Gebäck…

Die Realität war überaus ernüchternd.

Hoffentlich würde sich jemand an ihn erinnern. Er wollte keine Vergessenheit werden, nicht einer von den Vielen, die im Strudel der Zeit verschlungen worden waren, kein Kind der Ewigkeit, dessen Namen irgendwo da unterging, wo neues begann.
Draussen vor der Höhle schien die Sonne in lichtem Glanz. Singvögel zwitscherten und Eichhörnchen hüpften durch die Bäume, welche im Licht wirkten, als wäre der Mensch verpflichtet, in jeder Situation euphorisch zu sein.
Niemand sprach über die Toten, über die, die gerade in diesem Moment die Kunst der Folter erleben durften, beziehungsweise mussten. Und niemand gedachte der Opfer jenseits des Meeres, niemand glaubte daran, dass man irgendwo auf der sonnigen Welt verhungern konnte, geschweige denn verdursten.
Lieber las man die Abschiedsphantasien eines Mannes, dessen Leben im selben Moment enden würde wie das von Dutzenden von Kindern.
Und das war gut so. Im matten Glanz der vor schmerzen funkelnden Augen erkannte man die traurige Wahrheit, die das Leben des Ritters ins irrationale umgekrempelt hatte: Sein Leben war eine Farce gewesen, er hatte Schatten nachgejagt und Irrlichter befreit, tagtäglich hatte die romantische Fantasie des edlen Retters seinen Realitätssinn verdorben, hatte ihm das Interesse am Leben ausgesaugt und ihn zu einem Gläubigen gemacht. Einem Gläubigen der Religion, die sein eigenes Gehirn ihm geschaffen hatte, die sein Leben verrenkt und ihn nur noch an Drachen und entführe Jungfern denken gelassen hatte.
Bestimmt starb gerade in diesem Moment, in der Sekunde, in der seine Philosophie sich dem Höhepunkt näherte, irgendwo ein Mensch. Irgendwo, irgendwie bestimmt, also musste er sich hier nicht alleine fühlen.

Oder doch?

Vielleicht bildete er sich das nur ein und das gesamte Universum kreiste zurzeit nur um ihn, sein Schicksal und seinen Tod.
Gab es Schicksal? Diese dunkle, unheilvolle Kraft, die nur auf das Sterben erpicht war?
Langsam schloss er seine Augen, er hatte genug. Letzte Gedanken tummelten sich in seinem Gehirn, fluteten die Zellen und machten ihm leichtes Kopfweh. Das letzte Denken brachte ihn weiter als jede Schlussfolgerung in seinem unwichtigen, verschenkten Leben.

Und dann, endlich, schwebte er sachte von dannen…