Blutssiegel - Kapitel 3
Hmmm... Die Zeilenabstände sind seltsam, aber John Wayne. Viel Spass :)
3.
Wanakye
Die Menschen in Wanakye waren zumeist einfache
Arbeiter, die ein wenig mehr zu den Göttern hielten als es ihnen gut tat und
ein wenig mehr an Übernatürliches glaubten, als dass es nicht automatisch zu
Angst mutiert wäre.
Um es kurz zu fassen: Sie waren normale Menschen, die
sich nichts als ein schönes Leben ersehnten.
Die Männer gingen morgens an ihre Arbeit, die Frauen
kümmerten sich um den Haushalt. Tagsüber konnte man auf dem leicht buckligen,
fruchtbaren Boden Kinder spielen sehen.
Wayesh mochte weder Dörfer noch ihre Einwohner.
Die „Zivilisation“, die ohnehin nur schwach vertreten
war, bedeutete ihm nichts. Sein Lebensraum waren die endlosen Ebenen, wo es
alles gab, was man zum Überleben brauchte.
Bedächtig schritt er die Stufen zum zweiten Stock des
Häuptlingshauses empor, sein Vater war samt Leibgarde auf Reisen. Somit hatte
Wayesh für einige Tage die Befehlsgewalt über Wanakye… Praktisch, wenn ein
Unglück geschähe.
Naliaka hatte er Tehyme anvertraut, einer Matrone, die
an einem Tisch Platz für zwei brauchte. Das Gute an diesem furchteinflössend
voluminösen Menschen war, dass er auch das Herz von zweien hatte – Wie eine
Mutter war Tehyme. Seit Wayeshs leibliche Mutter gestorben war, hatte sich die
mittlerweile ergraute Tehyme bestens um ihn gekümmert und war in jeder
Angelegenheit hinter ihm gestanden.
Er wusste, dass Naliaka bei ihr bestens aufgehoben
war.
Oben angelangt öffnete Wayesh die Tür seines Gemaches
und trat ein – Gemach war schon beinahe zuviel gesagt, denn es war nichts als
ein weiss gestrichenes Mörtelzimmer mit einem Fenster, einer Kleidertruhe,
einem massiven Bett und einem Schreibtisch.
Der Sohn des Häuptlings machte sich nicht viel aus
Habseligkeiten… Er erfreute sich an anderem.
Seufzend öffnete er die Truhe und begann, zwischen den
darin liegenden Kleidern umherzuwühlen.
Ganz zuunterst musste sein, was er suchte…
Er war sich absolut sicher, es nicht verloren zu
haben, denn hätte er das getan, wäre er längst tot.
Mit solchen Gedanken im Hinterkopf wühlte er noch
schneller, bis er endlich auf etwas Kaltes, Rundes stiess und dieses Etwas
hastig herauszog.
Es war eine Glaskugel, die auf einem einfachen
Metallgestell befestigt war.
Wayesh wandte sich um und liess die Truhe offen, dann
stellte er die Kugel aufs Pult und begann erneut, in der Kiste zu wühlen, bis
er eine Phiole mit roter Flüssigkeit herauszog und die Kiste nun verschloss.
Erneut kehrte er zum pult zurück, setzte sich diesmal jedoch auf den Stuhl und
blickte kurz zur Tür heraus ob niemand in der Nähe war, bevor er sie leise schloss.
Nach dem entkorken der Phiole träufelte Wayesh einige
Tropfen der Flüssigkeit auf die Kugel, die verheissungsvoll schimmernd vor ihm
stand.
Nichts geschah.
Die paar Tropfen kullerten auf normale Art und Weise
das Glas herab und waren drauf und dran, das Hartholz zu beschmutzen, als sich
plötzlich etwas tat: Die Kugel glühte kurz auf, dann drangen Tropfen in sie ein
– In ihrem Inneren ging die Reise für die Flüssigkeit jedoch weiter, die
einzelnen Tropfen zogen sich in der Mitte zusammen und bildeten eine
schwummrige, rote Kugel in der Mitte der durchsichtigen Glassphäre.
Wayesh kannte diesen Prozess schon viel zu lange… Müde
sah er zu, wie das Rot sich ausbreitete und allmählich die ganze Kugel
ausfüllte, bis diese in ein allumfassendes, mattes Bordeaux getaucht war.
Ein Effekt, als fiele ein Tropfen in eine Pfütze,
zeigte sich plötzlich in der Mitte der Sphäre. Erst nur einmal, dann zweimal
und plötzlich immer mehr, bis sich ein konstantes Bild im Glas formte und ein
Gesicht sich abzuzeichnen begann:
Mickrige Züge, langes Kinn, Stupsnase und derart
eingefallene Augen, das das Schwarz um sie herum das halbe Gesicht einzudecken
schien.
Die Augen selbst waren, trotz dem verfärbenden Rot,
undefinierbar: In braunem Untergrund legte sich ein blauer Schatten über ein
grünes Muster.
Das ganze sah ziemlich furchterregend aus, wenn man
Zahayk zum ersten Mal sah… Alleine schon die eng zusammengepressten, dürren
Lippen sprachen Bände von Bitterkeit.
Das Einzige, was das Gesicht des Hexenmeisters
einigermassen Menschlich erscheinen liess, waren die strähnigen, weissen Haare,
die unkontrolliert zu allen Seiten den Kopf hinab hingen.
Wayesh, was für
eine angenehme Überraschung…
Ein hämisches Grinsen legte sich auf das gespenstische
Gesicht in der Sphäre.
„Nicht meinerseits.“, erwiderte Wayesh trocken und
hätte die Kugel am liebsten zerschmettert.
Was führt dich zu
mir?
Zahayks Tonfall hatte sich im Nu geändert. Das Grinsen
war erloschen und der heuchlerische Ton verstummt. Die Stimme erklang nunmehr
kratzig in Raum.
„Ich denke, ich habe, was du suchst.“
Soso…
erstaunlich, dass es so etwas überhaupt noch gibt. Nun, ich vertraue dir
einfach einmal und gehe davon aus, dass er wirklich das ist, was du denkst,
erwiderte die Stimme aus der Kugel, während man dem Kopf die Gier ansehen
konnte.
„Was soll ich tun?“, fragte Wayesh, darauf hoffend,
Naliaka nicht schaden zu müssen.
Das Gesicht in der Sphäre lächelte arrogant und sagte:
Verkenne da nicht
eine Spur Hoffnung in deiner Stimme?
Wayesh schüttelte den Kopf.
„Nein. Und nun sag mir, was zu tun ist, Zahayk.“
Gutgut,
antwortete der Hexenmeister, als nächstes
wirst du dir notieren wie er sich bewegt, wie er aussieht und ob an ihm
irgendetwas Auffälliges zu erkennen ist.
In ein paar Tagen
schickst du deine Recherchen per Falke an Konry Zekya im Tempel der Jahya. Er
wird deine Arbeiten dann an mich weiterleiten.
Der Häuptlingssohn nickte widerstrebend. Dass der
Hohepriester Konry Zekya ein Kontaktmann Zahayks war, war nicht verwunderlich.
Auch die Nähe zu den Göttern schützte niemanden vor der Hexerei, die der wahre
Alleinherrscher über Kimbal war.
„In Ordnung, in einigen Tagen werde ich das Dokument
versenden.“
Triumphierend legte Zahayk den Kopf schief und
betrachtete Wayesh inniger als normal.
Sehr gut… Und ich
warne dich nur einmal. Tue nichts, was meinen Studien schaden könnte, sonst
wirst du es den Rest deines Lebens bitter bereuen.
Sofort verzerrte sich das Bild und mit einem Mal war
die Farbe aus der Kugel entwichen und das Glas wieder klar und durchsichtig…
Von dem eben geführten Gespräch würde nie mehr irgendjemand erfahren. Und
Wayesh war froh darüber, wenn er bedachte was passieren konnte, wenn er
aufflog…
Naliaka mochte die alte Tehyme gut leiden.
Es war eine sehr freundliche, aufgeschlossene Person,
die der Neuen im Dorf kurzerhand etwas zu Essen gegeben und ihr ein schönes
neues Kleid geschenkt hatte, welches in diversen Beigetönen aus dem schönsten
Stoff geschneidert worden war, den die Bediensteten der Häuptlingsfamilie
hatten finden können.
Da das Kleid jedoch eher zur Eleganz dienen sollte,
wollte Tehyme Naliaka noch eine passende Seitentasche geben, nach der sie nun
eine gewaltige Truhe durchsuchte.
„Einen Moment, Kindchen, da wird wohl noch etwas zu
finden sein“, murmelte sie, während sie sich tief in den massiven Behälter
hinunterbückte und den Anschein machte, als wolle sie darin tauchen gehen.
„Gib mir sonst einfach die Nächstbeste, wirklich, ich
achte nicht auf Mode!“, erwiderte Naliaka schmunzelnd und fand es drollig, wie
die alte Frau sich um ihr Wohlergehen bemühte. Diese schien sie jedoch zu
ignorieren und zog nach kurzem Warten eine ansehnliche, erdbraune Seitentasche
hervor, deren Riemen man einfach über die Schulter tragen konnte und in der
sich viel Platz für allerlei Dinge befand.
Dankend nickte Naliaka und legte sich die Tasche um.
„Nun, Tehyme… Ich hätte noch eine Frage.“
„Die wäre?“, fragte die alte, freundlich aussehende
Frau, Naliaka anlächelnd.
„Was will Wayesh eigentlich?“
„Oh, das weiss ich nicht genau“, erwiderte Tehyme
achselzuckend, „er weist niemanden in seine Pläne ein, nicht einmal seinen
Vater… Manchmal kommt es deswegen zu Streit, doch kurze Zeit später
entschuldigt Häuptling Ergon sich und alles wird wieder wie vorher… Obwohl er
ja meist Recht hat.“
„Ah“, antwortete Naliaka stirnrunzelnd und wollte noch
etwas fragen, als es an die Tür klopfte.
„Wer ist da?“, rief Tehyme, wohl wissend dass es wohl
nur einer sein konnte, der an die Gästezimmertür klopfte…. Eine Männerstimme
erklang von draussen:
„Wayesh.“
Hastig schickte sich der freundliche Fleischberg an,
die Tür zu öffnen und den Häuptlingssohn einen Blick auf Naliaka werfen zu
lassen. Das Staunen war kaum zu Übersehen.
„Du siehst… blendend aus!“
Sie errötete ganz leicht, doch Wayesh lenkte das
Gespräch hastig um.
„Naliaka, ich würde dir gerne das Dorf zeigen… Nur
damit du weißt, wo du was findest, in deiner neuen Heimat.“
Er lächelte charmant und legte Naliaka fürsorglich
einen Arm um die Schulter, während er sie aus dem Raum in die Eingangshalle und
durch das ziemlich grosse Tor auf den Weg zum Dorf führte.
Wanakye war ziemlich einfach aufgebaut: Am Fusse des
Kyake waren die Häuser der Bewohner angesiedelt, von wo aus ein säuberlich
gearbeiteter Weg, auf dem notfalls sogar ein Karren bequem heraufgezogen werden
konnte, hinauf zur Häuptlingsresidenz führte, welche von Aussen dezent an einen
Tempel erinnerte.
Von diesem eher kleinen Plateau aus führte wiederum
ein verschlungener Pfad durch zwei grosse Felsen hindurch, den Kyake empor.
Der Berg selbst war knappe tausend Meter hoch und von
einer völlig eigenen Flora bewohnt: Bergwälder aus Nadeltannen, viele
eigentümliche Tiere und etliche uralte Ruinen, von denen niemand genau wusste,
woher sie stammten.
Naliaka mochte Wayeshs Nähe. Bei den meisten Menschen
empfand sie Abneigung, wenn sie Körperkontakt herstellen wollten, doch dieser
ominöse Mann hatte eine solche Ausstrahlung, dass es ihr nicht einmal etwas
ausgemacht hätte, wenn er sie hätte umarmen wollen… Eher im Gegenteil.
So schnell es nur ging vertrieb Naliaka den Gedanken
wieder und sah Wayesh grinsend an, während er verträumt in den Himmel starrte
und noch immer einen Arm um ihre Schulter gelegt hatte.
„Es tut gut, gehalten zu werden, wenn man Jahrelang
nur abgestossen worden ist“, bemerkte sie, noch immer grinsend und zog somit
Wayeshs Aufmerksamkeit auf sich.
Leicht schüchtern lächelte er und antwortete:
„Es tut gut, jemandem zu Helfen.“
Sie beide lachten kurz und setzten dann ihren Weg den
Hügel hinab fort – Kurz darauf waren sie im Dorf angekommen und wähnten sich
zwischen einfachen, blockförmigen Lehmbauten, etwa zwanzig an der Zahl, die
rund um einen geebneten und gemähten Platz Standen, in dessen Mitte sich ein
Ziehbrunnen befand.
Kinder Spielten lachend Ball, Fangen oder fochten mit
Holzschwertern vergnügliche Freundschaftskämpfe.
Unter gespannten Tüchern, die eine schattige, bequeme
Nische unter den Hauseingängen erzeugten, sassen ältere Menschen, unterhielten
sich oder gingen leichten Arbeiten wie Nähen, Schnitzen oder dem Knoten von
Seilen nach.
„Wie überleben die Leute hier? Vegetieren sie nicht in
Armut?“, fragte Naliaka erstaunt, als sie die kleinen Häuschen und einfachen,
aber zufriedenen Menschen sah, die ihrem Tagwerk nachgingen.
„Keineswegs. Ihr Leben mag schlicht aussehen, doch sie
haben alles was sie brauchen und beschweren sich nie. In Wanakye kennt jeder
jeden, und so macht es den Händlern meist nichts aus, wenn jemand gerade nicht
genügend Geld hat. Sie haben ein schönes Leben, weil sie einander zu Helfen
wissen.“
Interessiert über den einfachen Lebensstil der
Bewohner von Wanakye blickte sich Naliaka um – Und musste am Ende Wayesh Recht
geben.
Diese Leute sahen Glücklich aus.
Sie waren keine Sklaven des Lebens…
Dieses Bild machte ihr insgeheim Angst.
Eine wohlbekannte Furcht beschlich Naliaka, doch im
Schlimmeren Mass als je zuvor: Sie hatte Angst, diesen Frieden, diese ländliche
Ruhe zu zerstören.
Dass sie die Macht dazu hatte war ihr bekannt, doch
wollte sie diese nie einsetzen… Sie hatte nie das sein wollen, was sie war, was
in ihr Lebte, was ihre Seele verfluchte und auf ihr Selbstwertgefühl spuckte
wie schon so mancher Mensch und so manches Gefühl in ihrem Leben.
„Haben sie… Waffen?“
„Warum?“
Fragend sah Wayesh sie an und es machte den Anschein,
als würde er Naliaka fester an sich pressen.
„Weil…“ Wieder wurden ihre Augen wässrig und sie
schaute beschämt auf dem Boden.
„Blödsinn“, erwiderte Wayesh lächelnd und legte sanft
seine freie Hand unter Naliakas Kinn, bevor er ihr Gesicht mit leichtem Druck
so wandte, dass sie sich in die Augen sahen.
„Ich werde dich nicht sterben lassen. Lieber sie als
du…“
Noch bevor das Gespräch weitergehen konnte, wurde es
unterbrochen.
Erschrocken wähnten die Beiden eine Horde Kinder vor
sich und so manch einer, der im Schatten seines Vordachs sass, schmunzelte
wissend.
„Herr Wayesh!“, begann ein rund zehnjähriger Junge,
der ein Holzschwert in der Hand hielt, „habt Ihr eine Geliebte?“
Fast zeitgleich erröteten Naliaka und Wayesh, und zu
Naliakas Überraschung erwiderte Wayesh: „Ja Kabey, das ist meine Geliebte. Sie
heisst Naliaka und kommt aus Syskay.“
Einen Moment lang überlegte die „Geliebte“, ob sie
intervenieren sollte, kam jedoch zum Schluss, dass Wayesh bestimmt wusste, was
er tat.
„Wann werdet Ihr heiraten?!“, rief plötzlich ein
kleines Mädchen mit wilden braunen Locken. „Im Moment wissen wir das noch
nicht, aber wenn wir uns entschliessen, werdet ihr es natürlich erfahren!“
Wayesh lachte und fügte noch hinzu:
„Ich wollte aber eigentlich Naliaka die Stadt zeigen.
Wenn ihr uns also entschuldigen würdet…“
Die Kinder nickten und kehrten schon sehr bald zu
ihren Tätigkeiten zurück.
„Seit wann bin ich denn deine Geliebte, Schatz?“,
witzelte Naliaka frech und gab Wayesh einen sanften Klaps auf die Schulter.
Er sah sie an, noch immer mit dem Arm um ihre Schulter
und erwiderte:
„Eine Fremde, dich ich in einer Stadt aufgelesen habe
und den Grund dafür selbst nicht kenne gerät schneller in Verruf als die
Zukünftige Häuptlingsfrau… Liebling.“
Ein Grinsen zierte seine maskulinen Züge und Wayesh
führte die hell lachende Naliaka weiter.
Blutssiegel - Kapitel 2
voilà.
Die
Feldwege in der nahen Umgebung von Syskay waren noch ziemlich gut sichtbar,
wenn man sie mit den verworrenen Erdstreifen in der Wildnis verglich.
Es würden rund zwei Reisetage werden, wobei Wayesh hoffte, dass es noch keine
Probleme geben würde.
Scheinbar beherrschte Naliaka das Reiten doch, denn sie hielt sich durchaus so
im Sattel, dass man ihren Reitstil als Elegant bezeichnen konnte, trotz der
verdreckten, ausgemergelten äusseren Erscheinung, die beseitigt werden würde,
sobald sie in Wanakye ankämen.
Gerade, als ein sanfter Westwind über die Prärie strich, die Halme mystisch im
Wind bog, als würden sie sich vor einem Kaiser auf die Knie werfen, die Mähnen
der Pferde und das Haar ihrer Reiter sanft wehen liess, begann Naliaka ein
Gespräch.
„Weshalb habt Ihr mich gekauft?“
Wayesh sah hinüber und seine Begleiterin an.
„Nenne es eine Befreiungsaktion“, erwiderte er trocken.
Die Sklavin sah zu ihm hoch, einen fragenden Glanz in den Augen.
„Aber wieso?“
Plötzlich schmunzelte der Häuptlingssohn und räusperte sich, wie er es öfters
tat.
„Schon vergessen? Ich bin ein Irrer!“
Naliaka lachte.
„Das glaube ich Euch…“
Nun begann auch Wayesh zu lachen, woraufhin jedoch wieder Stille eintrat.
Beide betrachteten die Natur um sich herum:
Habichte und Bussarde, möglicherweise sogar ein Steppenadler dazwischen,
kreisten am Himmel, stets nach Beutetieren suchend.
Hin und wieder raschelte etwas durchs meterhohe Gras, was meistens mit dem
Hinabstossen eines Raubvogels beantwortet wurde.
Einige einsame Weiden- und Laubbäume brachten Abwechslung in die Endlose
Prärie, während kleine, plätschernde Bäche die Natur um sich herum nährten und
dem Boden das zurückgaben, was die Bäume und Wiesen ihm entzogen.
Fast das ganze Land war auf diese Weise beschaffen.
Zwar
gab es im Süden einige Hügelketten und in dem Mitte von Kimbal einen grossen
See, sowie im nahen Norden von Wayeshs Dorf einen ansehnlichen Berg, doch
grundsätzlich konnte man davon ausgehen, stundenlang durch monotone Prärie zu
reiten und bis an den Horizont zu sehen.
Wayesh liebte dieses Terrain, er identifizierte es am ehesten mit Freiheit.
Wo andere sich beim Ritt durch das Grasland langweilten, konnte er stunden- und
tagelang durch Kimbal reisen und hatte selbst dann noch nicht genug.
Den grössten Teil seiner Zeit verbrachte er in der Wildnis, jagte, forschte
oder ritt ziellos umher.
„Du brauchst übrigens nicht die Höflichkeitsform zu benutzen“, griff Wayesh die
Diskussion plötzlich wieder auf, „Du bist keine Sklavin mehr.“
Verwundert sah Naliaka zu ihm hinüber.
„Ihr… Ich meine… Du scheinst wirklich verrückt zu sein. Zweitausend Goldstücke
für eine Sklavin, die du nicht als solche willst und die dir nur Ärger bringen
wird.“
Verständnislos schüttelte die Schönheit auf der Stute ihren ansehnlichen Kopf.
„An wen bin ich hier bloss geraten?“
Obwohl Wayesh genauestens wusste, dass diese Frage rhetorisch gewesen war,
antwortete mit einem einfachen „An jemanden, der dir helfen kann“ und
betrachtete wieder die schier endlose Prärie, den Blick von Naliaka abwendend.
Es war bereits späterer Nachmittag, die Sonne hatte den Zenit seit einigen
Stunden schon verlassen.
Wayesh war überaus glücklich mit den Ergebnissen des Tages: Er hatte gefunden,
was er so lange erfolglos gesucht hatte.
Zahayk würde sich über diesen Fund freuen, und endlich würde auch der
Häuptlingssohn selbst mit seinen Studien vorankommen…
Hoffte er jedenfalls.
Spätestens das erste Opfer würde zeigen, ob sich die zweitausend Goldstücke
gelohnt hatten.
Wieder strich ein sanfter Wind über die Ebenen und Wayesh erkannte in der Ferne
einen grossen, gen Himmel gespitzten Felsen. Es war der Dakmya, ein Fels von
dem gesagt wurde, dass die Götter selbst ihn an seinen Platz gestellt hatten…
Und irgendwie fand der Häuptlingssohn, dass das stimmen musste, denn der Dakmya
kennzeichnete die exakte Mitte von Kimbal.
„Wir werden am Dakmya rasten, die Nacht bricht schon langsam herein.“, schloss
Wayesh kühl und beschleunigte zu einem leichten Galopp.
Naliaka tat es ihm schmunzelnd gleich.
Irgendwie fand sie seine Art speziell… Er war stets kühl, und doch versprühte
dieser fremde Mann eine Wärme, wie sie es noch nie erlebt hatte.
Auch wenn sie seine Motive nicht kannte fühlte sie sich so weit geborgen, dass
sie überhaupt nicht daran dachte, ausreissen oder ihn töten zu wollen…
Eigentlich hatte sie noch nie jemanden wirklich töten wollen, doch es gab
Phasen, in denen sie sich nicht kontrollieren konnte.
Bisher hatte ihr diese Eigenschaft grösstenteils Glück gebracht…
Beim Dakmya angekommen stiegen sie beide von ihren Pferden ab.
Es gab keine Möglichkeit, sie anzubinden, doch das war auch nicht nötig. Wo
Ayan hinging ging auf die Stute hin, und wenn Wayesh Ayan zurückrief, folgte er
immer.
Schweigend knöpfte der Häuptlingssohn sein edles Kleid auf und warf es achtlos
über einen umherstehenden Felsbrocken.
Naliaka sah ihm zu, wie er, in eine luftige, braune Leinenhose und ein weites
Hemd gekleidet sein Gepäck von Ayan herunternahm und es vor sich hinlegte. Sie
tat es ihm nach und nahm Sattel sowie sämtliche Taschen vom Rücken der Stute
herunter.
Wie auf Befehl verschwanden die Pferde in der Prärie und Wayesh bleib mit
Naliaka allein zurück.
Ohne eine Konversation einzugehen zog Wayesh einen geschmeidigen, nicht allzu
langen Speer aus seinem Gepäck hervor.
„Ich gehe jagen“, wandte er sich an die Frau, „In meinem Gepäck findest du ein
Bündel trockenes Holz. Mach bitte Feuer.“
Lächelnd nickte sie und begann sogleich, das Gepäck nach dem Holz zu
durchsuchen, als ihr Begleiter im hohen Gras verschwand.
Um den Dakmya herum war das Gras stets gut geschnitten und etliche Feuerstellen
dienten Reisenden als Rastpunkt.
In der Nähe lebten Einsiedler, die sich hin und wieder um den heiligen Felsen,
der steil in die Spitze ragte und an die Statue einer Klinge erinnerte,
kümmerten.
Naliaka wusste das nur, weil ihr letzter Besitzer ein fahrender Händler gewesen
war.
Er war weniger grausam gewesen als der Käufer vor ihm, doch er hatte trotzdem
sterben müssen… Das musste jeder, der Naliaka nicht in einem Käfig festhielt.
Seufzend kniete sie sich nieder und begann, die Holzscheite zu einer
Pyramidenform zusammenzustellen.
Es war ihr ein Rätsel, was dieser Wayesh von ihr wollte.
Er hatte auf die Sklaven auf der Bühne verzichtet und dem Händler zweitausend
Goldstücke gegeben, für eine Sklavin, die er nicht einmal als solche wollte…
Sie durfte ihn duzen, sprechen wann immer sie wollte und musste weder Hand-
noch Halsschellen tragen.
Zwar wusste Naliaka nicht, wo dieser merkwürdige und –zugegebenermassen-
hübsche Fremde sie hinbrachte, doch er machte keinerlei Anschein, als wolle er
ihr schlechtes.
Als das „Zelt“ stand, füllte Naliaka die Lücken mit trockenem Laub und setzte
sie durch Reibung mithilfe eines kleinen Stocks in Flammen.
Kurzerhand wähnte sie sich einem ansehnlichen, fröhlich tänzelnden Feuerchen
gegenüber.
Schweigend setzte sie sich auf der anderen Seite hin, mit dem Rücken gegen den
Dakmya lehnend. Irgendwie vermittelte der heilige Fels ihr eine spirituelle
Wärme, ein Gefühl, welches ihr sagte: Es wird gut.
Es war bereits gut. Zu gut…
Irgendwie fühlte sie sich viel zu geborgen. Möglicherweise war es die
monatelange Einsamkeit, die Schläge und die Angst gewesen, die ihr die Kenntnis
der Geborgenheit genommen hatten, Naliaka wusste es nicht.
Sie wusste lediglich, dass auch dieses Glück, diese Freiheit, irgendwann enden
musste… So wie alles, was sie bisher in ihrem Leben gehabt hatte.
Ihr anfangs glückliches Leben, die Zeit ihrer Sklaverei. Alle Phasen waren
geendet.
Doch die Angst vor der Vergänglichkeit war nicht der einzige Gedanke, der sie
beunruhigte… Was wäre, wenn sie selbst das Ende dieser neuen, besseren Zeit
einläutete? Niemand akzeptierte ihresgleichen, was war schon immer so gewesen
und würde bis in alle Ewigkeit so bleiben.
Und Naliaka verstand dieses Denken auch. Sie selbst hatte einst so gedacht, bis
sie mit dem Feind in sich selber konfrontiert worden war.
Sie war in diesem Kampf unterlegen, hatte sich ihrem Feind gebeugt und hatte
sich daran gewöhnt, gehasst zu werden.
Der Sklavenhändler hatte Recht gehabt: Entweder wusste Wayesh nicht, worauf er
sich bei ihr einliess, oder er war tatsächlich verrückt…
Noch eine Weile starrte Naliaka nachdenklich und aus vielsagenden, geprägten
Augen in die tanzende Flamme.
Schon etwa eine halbe Stunde später kam Wayesh, beladen mit einer jungen
Antilope, zurück.
Das braune Tier war bereits ausgeweidet und ausgeblutet, weswegen Wayesh nur
noch mit einem Dolch den Pelz entfernen musste, damit die Beute kurz darauf
über dem Feuer braten konnte.
Er und Naliaka starrten schweigend in die Flammen, als das Fleisch triefend an
Stöcken über den Flammenzungen hing.
Die Nacht brach sachte herein und der Mond erhob sich wie üblich schon lange,
bevor die Sonne in den Prärien verschwunden war.
Angesichts dieses Schauspiels wandten beide beinahe gleichzeitig den Kopf ab
und betrachteten den verschwommenen, roten Horizont, der die rote Kugel, welche
kontinuierlich sank, langsam verschlang.
Der Mond über der Sonne brachte ebenfalls sein silbernes Licht zum Vorschein,
in welchem die ganze Szenerie wie ein nie endender Zyklus erschien… Der es
eigentlich auch war.
Unentwegt beobachteten Naliaka und Wayesh den Sonnenuntergang, bis nur noch ein
winziger, roter Strich über die im Winde wehenden Halme blickte, der Himmel
zuerst noch rot war und danach gleich in eine helle Dunkelheit wechselte, wie
sie typisch für den Tageslauf von Kimbal war.
Die Prärie war nie wirklich finster, zwischen den dunklen Nachtwolken sah man
stets helle Streifen, die die endlosen Wiesen beleuchteten und die Wildgräser
aussehen liessen wie ein wehendes Meer aus silbernen Fäden, die gen Himmel
gezogen wurden.
Manch einer fürchtete sich beim Anblick dieses Spektakels, doch Wayesh liebte
es…
Naliaka zitterte leicht und betrachtete den vollen Mond, wie er am Himmel stand
und seit hunderten von Jahren gelassen immer dieselbe Bahn nahm, in der er
nächtlich rotierte.
„Ist dir kalt?“, fragte Wayesh plötzlich, als auch das letzte Bisschen Sonne
gewichen war.
„Warum fragst du?“, erwiderte sie kurz angebunden und scheinbar etwas
verschüchtert.
„Du zitterst.“
Der Häuptlingssohn grinste und fügte hinzu:
„Wenn du willst, kannst du eine Decke haben, ich habe einige dabei…“
Lächelnd schüttelte Naliaka den Kopf und winkte spielerisch ab.
„Nein, nein, mir ist nicht kalt… Danke der Nachfrage.“
Wayesh lächelte zurück und zuckte die Achseln.
Gähnend lehnte er sich zurück und schaute in die matt silbern wogenden Wiesen.
„Warum wolltest du gerade mich?“
Hastig wandte er den Kopf und sah sein Gegenüber an, welches hinter dem Feuer
und dem langsam bräunenden Fleisch kauerte und scheinbar irgendwie nervös war.
„Instinkt? Ich weiss es nicht…“
Wayesh lächelte ein wenig unsicher, doch als das Lächeln erwidert wurde
vergrösserte sich seines von selbst.
Am besten sagte er ihr die Wahrheit nicht… Am besten gar nie.
Immer wieder sah Naliaka nervös in der Gegend umher, zitterte und kratzte sich
am Kopf, als müsse sie sich ablenken.
„Wirklich?“
Fragte sie nach einigen Augenblicken.
„Ja“, erwiderte Wayesh.
Dann schwiegen sie sich wieder an, Naliaka in ihre Nervosität versunken und
verzweifelt umherschauend, Wayesh betrachtete die im Mondlicht leuchtenden
Felder, bevor er bemerkte, dass das Fleisch gar war.
Hastig nahm er das zubereitete Tier am dem Feuer und machte sich mit einem
Dolch daran, die besten Teile herauszuschneiden.
Ein Stück des Hinterbeines reichte er Naliaka, er selbst nahm sich selbiges vom
anderen Bein.
„Sollen wir die ganze Antilope essen?“, fragte sie, eine Augenbraue hochziehend
und ein Stück abbeissend.
Wayesh lachte.
„Nein, nicht wirklich… Das meiste soll die Raubtiere von uns ablenken, wenn wir
schlafen. Man kann nie wissen, was sich an einen heranpirscht…“
„Achso…“, murmelte Naliaka plötzlich nachdenklich, während sie auf dem zarten
Fleisch der jungen Antilope herumkaute.
Noch immer machte sie einen nervösen Eindruck, der Wayesh verwunderte, aber
auch ein wenig amüsierte.
„Was ist mit dir los?“, fragte er, einen kleinen Bissen essend.
„Nichts…“
Er schüttelte den Kopf und hakte nach:
„Du zitterst bestimmt nicht Grundlos. Bitte, sag mir, was du hast!“
Naliaka seufzte, ein wenig weinerlich, ein wenig genervt.
Sie redete nur ungern darüber, und doch wäre es unfair ihrem Retter gegenüber,
ihn nicht zu Informieren.
„Du weißt ja scheinbar, was mit meinen beiden ehemaligen Besitzern geschehen ist…
Und ich habe Angst, dass das wieder geschehen könnte.“
Verwundert sah ihr Begleiter sie an.
„Erzähl es mir, Naliaka.“
Ein freches Lächeln umspielte plötzlich ihre Lippen.
„Ich dachte, du wüsstest es? Jedenfalls hat es heute sehr danach geklungen!“
Wayesh schüttelte beschämt den Kopf, wobei seine schulterlangen, dunklen Haare
sich wie eine Kaskade über seinen Kopf ergossen.
„Nein, entschuldige… Ich habe das nur gesagt, um dem Händler alle Argumente zu
nehmen.“ Nun lächelte auch er frech.
„Nun gut“, erwiderte Naliaka mit einem wiederum deprimierten Ton, „ich werde es
dir erzählen…“ Wayesh nickte, erhob sich, ging um das Feuer herum und setzte
sich neben Naliaka wieder hin.
„Sie sind beide tot… Nur wenige Tage nachdem sie mich gekauft hatten wurden sie
an einem Morgen jeweils zerfetzt und nicht mehr identifizierbar im Raum
verteilt gefunden. Ich weiss nicht was es ist oder wie es kommt, aber irgendein
Unglück verfolgt mich… Und da ich nicht will, dass du auch so endest, habe ich
Angst.“
Verstört und im Schein der Flamme errötend blickte sie ihn an, ihre Augen
leicht wässrig und den Kopf in den Händen haltend als würde sie
zusammenbrechen, täte sie es nicht.
Wayesh wusste nicht, wie er antworten sollte, was er tun sollte… Er wusste
nicht einmal, ob er Naliaka ansehen sollte.
„Das meinte er also mit „Du bringst nur Ärger“…“, murmelte er ein wenig
gespielt erstaunt.
„Ja genau das… Und ich weiss nicht, was es ist, ich weiss nicht, wieso gerade
ich es bin, die damit verflucht wurde!“
Verzweifelt schluchzte sie, und Wayesh hätte Naliaka in diesem Augenblick am
liebsten in den Arm genommen, getröstet und ihr gesagt, dass sich alles richten
liesse.
Eine Träne kullerte ihre Wange hinab und fiel hinunter ins kurze Gras unter ihr.
„Mach dir nichts daraus, Naliaka… Es wird schon gut gehen, heute jedenfalls.
Und morgen werden wir in Wanakye sein und uns dort beraten.“
Erneut schluchzte sie und versuchte zu lächeln.
„Danke…“
Wayesh lächelte und legte ihr seine Hand auf die Schulter. Zumindest dieses
Recht nahm er sich.
„Kein Problem… Du solltest versuchen, zu schlafen, denn der Kummer zerfrisst
dich nur und bringt dich nicht weiter.“
Beschämtes Nicken und Schweigen folgte und kurze Zeit später befolgte Naliaka
Wayeshs Rat.
Auch Wayesh selbst legte sich Schlafen, um am nächsten Morgen die Reise in
gutem Zustand antreten zu können.
Bereits früh am Morgen wurden die beiden aus dem Schlaf gerissen. Ayan war
zurückgekehrt und hatte sie mit sanftem Wiehern geweckt.
Die beiden redeten nicht über den vergangenen Abend, es schien alles gesagt und
nichts passiert zu sein.
Sofort nach dem Aufwachen waren sich Wayesh und Naliaka einig gewesen, gleich
loszureiten, denn Wanakye war ein ganzes Stück weit entfernt.
So hatten sie hastig ihre Sachen gepackt und die Pferde gesattelt und waren gleichzeitig
mit der Sonne abgereist.
Eine etwas stärkere Brise herrschte an dem Tag, doch sie störte nicht – Sie
erfrischte die Pferde und prickelte auf der Haut der Reiter, was sich durchaus
als angenehm bezeichnen liess.
Noch immer machte Naliaka einen etwas angeschlagenen Eindruck, doch Wayesh
wollte sie nicht darauf ansprechen… Er war sich sicher, dass es ihr dann nur
noch schlechter ginge.
Ohnehin zweifelte er Zahayks Beweggründe an, doch es war unklug, mit einem der
wenigen Hexenmeister auf Kimbal anzubiedern.
Wayesh hätte Naliaka am liebsten alles erzählt, die ganze Wahrheit, doch das
wäre eigentlich nur Selbstmord gewesen.
Zahayk erfuhr alles. Und gefiel ihm etwas nicht, ging er über Leichen.
„Woran denkst du?“, fragte Naliaka plötzlich und lächelte Wayesh an.
Sie ritten in leichtem Trab, sodass sie zügig vorwärts kamen und nebenbei die
Reisezeit mit ein wenig Konversation verkürzen konnten.
„Nichts…“, murmelte Wayesh und fühlte sich ertappt.
Naliaka grinste und fuhr fort:
„Wohin bringst du mich eigentlich?“
„Nach Wanakye“, erwiderte Wayesh, froh darüber, dass sein Begleiterin das Thema
selbst gewechselt hatte, „einem Dorf am Fusse des Kyake. Ich bin der Sohn von
Häuptling Zyhrik, also haben wir bestimmt genügend Mittel, dir zu helfen.“
Erfreut nickte sie.
„Sind die Leute in dem Dorf… Ängstlich? Ich meine, im Sinn von Aberglauben oder
dergleichen…“
Nach kurzer Überlegung schüttelte Wayesh den Kopf.
„Ich denke nicht. Aber man kann nie wissen, erzähl also am besten niemandem von
deinem Problem…“
„In Ordnung.“
Naliaka gab ihrem Pferd einen leichten Klaps, sodass dieses in einen Galopp
überging.
Ayan mochte der Stute problemlos hinterher, und so jagten die Pferde sich
wiehernd über die Ebene, während ihre Reiter lachend versuchten, ihre Pferde
dazu zu bringen, einander überholen.
So verging der Tag, die beiden ritten unentwegt, manchmal im Galopp, manchmal
nur im Trab oder trotteten sogar, wenn sie ein Gespräch hatten.
So
lernten sie sich im Laufe des Tages besser kennen, und Wayesh hätte Naliaka den
wahren Grund für den Kauf noch lieber gesagt als zuvor.
Auch sie selbst wollte Wayesh sagen, was es mit dem „Unglück“ auf sich hatte,
doch wusste sie genau, wie die meisten Menschen darauf reagieren würden… Und
auch Wayesh traute sie einen Mord zu, obschon er ein liebenswerter,
freundlicher Mann war.
„Wir sind bald da“, schloss er, als sie an einem etwas breiteren Bach als
üblich entlangritten.
In der Ferne war längst der Kyake, der einzige Berg auf Kimbal, sichtbar
geworden, und schon kurz darauf waren die ersten Häusersilouhetten gut
erkennbar gewesen.
Der Ritt würde noch ungefähr zehn Minuten dauern, bis Wayesh sich zuhause
wähnen und Zahayk bericht erstatten konnte.
Zahayk Bericht erstatten MUSSTE…
Blutssiegel
Hier ist mein erstes vollendetes, längeres Werk... 36 DIN A4 Seiten bei
Schriftgrösse 12. Jede Woche wird hier ein neues Kapitel zu lesen sein.
Die Sonne schien hell auf die von Weideland umgebene
Stadt Syskay. Zwischen den blockförmigen Lehmbauten und den landestypischen,
bunten Laubbäumen herrschte reges Treiben: Auf dem allwöchentlichen Markt
priesen Gemüse-, Fleisch- und Stoffhändler ihre Waren an, weissbärtige
Geschichtenerzähler sassen auf ihren verzierten Teppichen, die Bücher auf
altersschwachen Knien aufgeschlagen und Horden von begeisterten Kindern
vorlesend. Sklavenhändler stellten auf Bühnenartigen Holzgebilden ihre lebende
Ware zur Schau und im Allgemeinen waren die Leute an diesem Tag sehr geschäftig
– Wie jeden Markttag.
Wayesh befand sich ebenfalls unter den Betrachtern der in Fetzen gekleideten
Menschen, die sich vor Hunger, Durst und sonstiger Auszehrung kaum noch auf den
Beinen halten konnten, von den kurzen Ketten der Halsschellen jedoch zum stehen
gezwungen der Masse zur Schau gestellt wurden.
Hier stand ein hünenhafter Sklave für dreitausend Goldstücke zum Verkauf,
andernorts eine hübsche, junge Frau, deren Besitz dem Käufer fünfhundert Münzen
weniger als ihrem Vorgänger abverlangte.
Alles schon gesehen, alles schon zu genüge und mit Klarheit abgelehnt. Wayesh
hatte sich noch nie für die Art Sklave interessiert, die es auf jedem
beliebigen Markt zu kaufen gab… Er benötigte etwas Anderes.
Etwas, das man nur mit Glück finden konnte, wenn man es denn überhaupt
irgendwie finden konnte…
Schon seit Stunden betrachtete der Häuptlingssohn die zum Verkauf ausgestellten
Diener, doch keiner der Unglücksraben entsprach seinen Wünschen.
Betrübt ging Wayesh der Menschenmasse entlang, manchmal auf die diversen
Sklaven schauend, manchmal nicht. Im Grunde war es immer dasselbe: Er besuchte
jeden Markt und wurde dennoch nie fündig. Langsam wurde er des Suchens
überdrüssig, es machte den Anschein, als gäbe es das was er suchte überhaupt
nicht, als wären die langen Monate des Fahndens nach dem Ziel reine
Zeitverschwendung gewesen.
Er hatte es satt… Niedergeschlagen machte sich Wayesh zurück auf den Weg zu
seinen Pferden. Das Eine würde wieder ohne Reiter bleiben…
Abrupt blieb er stehen.
„Heute Abend wirst du sterben!“, hatte der Häuptlingssohn plötzlich eine
nervöse, hohe Stimme sagen hören. Sie konnte nicht weit entfernt gewesen sein,
denn wäre sie das gewesen, so hätte ihr Besitzer laut genug schreien müssen, um
viele Dutzend feilschende Händler und Kunden zu übertönen.
Wayesh machte verwundert einige Schritte rückwärts, nachdem er gerade hinter
der Holzwand einer „Sklavenbühne“ verschwunden war.
„Immer hat man nur Ärger mit dir! Nichts als ÄRGER!“
Ein lautes Geräusch von Holz, das auf Holz schlug, war zu vernehmen und endlich
erkannte Wayesh, wo sie die Szenerie abspielte, die er einige Sekunden
vergeblich mit seinen klugen, blauen Augen gesucht hatte:
Ein dicker, untersetzter Mann in einem modischen Männerkleid, der eine in eine
Ecke eines Holzkäfigs gedrängte Frau anschrie und mit einem massiven Knüppel
gegen die Gitterstäbe schlug war die Lärmquelle, welche das Theater direkt auf
der anderen Seite der Wand in einer Ecke vorspielte.
Der Sklavenhändler interessierte Wayesh jedoch kaum, vielmehr war es die Frau
im Käfig, die seine Aufmerksamkeit auf sich zog.
Das verängstigte, und doch apathische Zucken, das bei jedem Schlag gegen den
Käfig zu erkennen war, die gezwungen kauernde und doch aufmüpfige Haltung und
das schweigende Trotzen sagten ihm zu.
Nun wagte er sich doch noch ganz hinter der Trennwand hervor und betrachtete
die Lage etwas genauer:
Weshalb die Schönheit im Käfig in selbigem, und nicht an einem Vorzeigepfahl
war, war dem zur Heimreise gestimmten Mann ein Rätsel… Wayesh ertappte sich
dabei, wie er unentwegt diese Sklavin anstarrte, wie sie verschüchtert und doch
nicht ganz resigniert auf die Beschimpfungen und Wuthiebe ihres Besitzers
reagierte.
Der Häuptlingssohn machte sich nichts aus der Sklaverei, doch war sie der
einzige Weg, an das heranzukommen, was er wollte, sofern er es je finden
konnte… Was er fühlte, getan zu haben.
Noch einige Augenblicke betrachtete er das Schauspiel und ging dann,
entschlossen und kühl wie er üblicherweise war, auf den hochroten Händler zu.
Etwa zwei Meter vor ihm blieb er dann stehen und lächelte, wie man es meistens
bei den Erzählungen eines faszinierten Kindes tat.
„Genug habe ich von dir! Ich sage dir, genug!“
Zornig hieb der Mann weiter auf den Käfig ein, bevor Wayesh gespielt verlegen
hüstelte und sich der puterrote Händler zu ihm umwandte.
Wäre sein rundes Gesicht nicht bereits von der Farbe einer Tomate gewesen, wäre
er wohl spätestens jetzt errötet.
„Ich möchte gerne mit Euch handeln.“, begann Wayesh.
„Oh, ich hätte da Einige gute Sklaven zu anständigen Preisen anzubieten, mein
Herr! Wenn Ihr mir doch bitte auf die Schaubühne folgen möchtet...“ Mit
honigsüsser Stimme deutete der Händler auf einige der Sklaven auf der Bühne.
„Nein“, erwiderte Wayesh und winkte belächelnd ab, „Ich bin eher an dieser hier
interessiert.“
„Sie ist nicht zum Verkauf, entschuldigt!“
Diesmal war es der Verkäufer, der abwinkte. Sein schleimiger Tonfall hatte sich
innert kürzester Zeit in eine bittere, kalte Verneinung umgewandelt.
Kein guter Sklavenhändler, fand Wayesh, und hakte nach:
„Ich habe vorhin ziemlich deutlich vernommen dass Ihr vorhabt, sie zu töten… Es
brächte Euch doch auch mehr, mein Geld in Euren Taschen zu wähnen, als Eure
Hände mit dem Blut einer minderwertigen Sklavin zu beschmutzen? Kommt schon,
ich biete Euch tausend Goldstücke für sie.“
Einen Moment lang schien der Dicke zu überlegen, schüttelte jedoch gleich
darauf energisch den Kopf.
„Nein, nicht zu verkaufen.“
„Tausendzweihundert Goldstücke!“
„Nein.“
„Tausendfünfhundert!“
Erneut schien der Händler zu überlegen. Wayesh nutzte die kurze Gelegenheit, um
zu bemerken, dass die Frau im Käfig angespannt dem Gespräch lauschte.
Aus dieser kurzen Distanz war sie sogar noch begehrenswerter als der
Häuptlingssohn anfangs gedacht hatte.
Ausdrucksvolle, smaragdgrüne Augen, schwarzes, glattes Haar und eine
natürliche, leicht bräunliche Hautfarbe liessen den Reisenden nicht verstehen,
weshalb der Händler diese Frau nicht zu Überpreisen an den Nächstbesten
verkaufte und sich ein schönes Leben machte. Was danach geschah, blieb ja nicht
an ihm hängen…
„Glaubt mir, mein Freund, dieses Geschöpf bringt nichts als Unglück und Ärger…
Schon zwei Mal habe ich sie verkauft, und beide Male habe ich sie nach einigen
Tagen wieder aufgegabelt. Ihre Besitzer…“
„Das ist mir egal“, unterbrach Wayesh abrupt und der Sklavenverkäufer sah ihn
fragend an.
„Wollt Ihr nicht zuerst zu Ende hören, bevor Ihr voreilig zu Handeln gedenkt?“
Wayesh schüttelte den Kopf.
„Ich denke ich weiss, was Ihr mir erzählen wollt. Und das ist mir egal…“
„So etwas kann Euch nicht egal sein. Entweder Ihr wisst nicht, was Ihr denkt,
oder Ihr seid ein Irrer.“
Eine kurze, andächtige Pause folgte, in der die Diskutierenden sich musterten,
unablässig anstarrten und am Ende Wayesh weiterfuhr:
„Zweitausend. Das Letzte Angebot eines Irren, bevor Ihr euch sein Geld nur noch
Träumen werden könnt.“
Der Händler seufzte.
„Nun gut. Ich gebe sie Euch für zweitausend… Aber lasst Euch eines sagen: Ihr
werdet diesen Handel noch früh genug bereuen, mein Herr.“
Ohne ein weiteres Wort zu verlieren kramte Wayesh einen Geldbeutel aus einer
der vielen Taschen an seinem Reisekleid hervor und drückte sie in die
feuchtwarme, fette Hand des Händlers.
Diesem schien das Nachzählen nicht wichtig zu sein. Hastig öffnete er den Käfig
und bot dem neuen Besitzer der Sklavin den Griff der Halsschelle an.
„Macht sie bitte los. Und auch die Handschellen.“
Verwirrt starrte der Sklavenverkäufer sein Gegenüber an, die Frau mit der einen
Hand und den Griff mit der anderen festhaltend.
„Ihr seid der Kunde…“
Kopfschüttelnd löste er auch noch die Fesseln und die Schelle, sodass die
Sklavin nun absolut frei von jeglichen Ketten war.
Schweigend rieb sie sich die Unterarme, während Wayesh sie am Arm packte, den
Händler zum Abschied grüsste und sie von dem Stand fortführte.
Als die beiden etwas weiter vom Händler entfernt waren, liess er ihren Arm los
und stellte sich vor sie hin.
„Wie heisst du?“, fragte er in ernstem, sicherem Ton.
Zuerst passierte nicht viel, um nicht zu sagen nichts.
Die Sklavin rieb sich die Handgelenke und den mit einem nun roten Streifen
versehenen Hals und blickte auf den Boden.
Wayesh wusste nicht, ob ihr die Begegnung unangenehm war, und plötzlich kamen
Zweifel in ihm auf. Hatte er falsch gehandelt? Wäre sie, dieser namenlose,
kürzlich noch todgeweihte menschliche Gegenstand doch lieber gestorben?
Es war nicht das Ziel, ihren Willen zu brechen. Zu Beginn hatte der Reisende
noch gar nicht darüber nachgedacht. Er hatte sie nur gesehen und vom ersten
Blick an gewusst, dass er sie hatte haben wollen.
Zahayk hatte Recht gehabt. Ihresgleichen waren schwer zu finden und noch
schwerer zu verstehen, geschweige denn, sie dazu zu bringen, einen zu
akzeptieren.
Ein seufzen entfuhr Wayesh und er sah die Schönheit ihm gegenüber noch
konzentrierter an als zu Beginn. „Wie heisst du?“, wiederholte er seine Frage,
irgendwie in seinem innersten durch eine fremdartige Sicherheit getrieben,
nicht darauf hoffend, eine Antwort zu erhalten.
Jede einzelne Pore auf ihrem Gesicht schien Wayesh in seinem Gehirn zu
speichern, sie aufzunehmen und für immer in Erinnerung zu behalten.
Trotzdem erwies sich seine fehlende Hoffnung als angebracht: Sie schwieg wie
ein Grab, schaute zu Boden und rieb sich die schmerzenden roten Streifen an Hals
und Armen.
Erneut seufzte er und zog sie sanft am Oberarm mit sich durch die
Menschenmengen der sonnigen Stadt. Die Frau schien an Kraft verloren zu haben,
denn ihr Gang war vielmehr ein schwaches Torkeln als ernsthafte Schritte, und
so musste Wayesh sie schon fast hinter sich herschleifen, um sie nicht zu
verlieren.
Sein Ziel waren die Ställe, wo er die Pferde angebunden hatte… Es war ihm
wichtig, dass seine Begleiterin die Reise überstand, weswegen er absichtlich
zwei Pferde mitgenommen und genügend Nahrung und Wasser für mehrere Tage auf
sie geladen hatte.
Durch die Menschenmassen hindurch erkannte Wayesh nur das Strohdach der
Gemeinschaftsstallungen, die direkt beim Ausgang angelegt waren.
Der Schritt seiner Begleiterin schien sich etwas normalisiert zu haben
möglicherweise war es nur das lange, gezwungene Sitzen und die Anspannung
gewesen, die ihr die Kraft aus dem Körper genommen hatten.
Durch Menschenmengen hindurchschlüpfend, die Sklavin gut festhaltend und ihr
doch so wenig wie nur möglich Schmerzen zufügend, rückte Wayesh dem Ziel immer
näher.
Die Städte im Land Kimbal waren nie allzu gross, auch gab es nicht viele davon.
Hauptsächlich durchzog nur endlose Prärie das Land und bot den Pflanzenfressern
Schutz, den Jägern Tarnung und den Menschen fruchtbares Weideland.
Wayesh liebte es, durch das hohe Gras zu reiten, Herden von Vierbeinern
davongaloppieren zu sehen und die Raubtiere bei ihren Streifzügen zu beobachten.
Ausser der Naturforschung tat der Sohn des Häuptlings von Wanakye keine Arbeit,
schliesslich ermöglichte der Posten seines Vaters ihm ein unbeschwertes und
gutes Leben.
Endlich hatten die beiden die Stallungen erreicht und Wayesh liess die Sklavin
kurz los, um die Pferde aus den Mietställen zu holen.
Ayan, Wayeshs mächtiger Rappe wieherte fröhlich, als er seinen Herrn das Tor
öffnen sah und folgte brav am Zügel nach draussen.
Ohne Anstalten zu machen blieb Ayan auf dem Stadtboden stehen und wieherte
erneut, als er die Frau sah, welche offensichtlich zu seinem Herrn gehörte.
Das zweite Pferd, ein weit kleineres Weibchen zeigte keinerlei Gefühl, als
Wayesh es am Zügel auf die Strasse zog.
Stattdessen trabte sie neben Ayan hin und rieb seinen dünnen Pferdekopf an
seinem muskulösen, gepflegten Hals.
Möglicherweise würde sie ihm im Frühjahr ein Fohlen gebären, dachte der
Besitzer der Beiden schmunzelnd und hoffte gleichzeitig darauf, dass die
Sklavin, die ihren Namen nicht preisgeben wollte, reiten konnte.
Geschickt begann er, ihr aufs Pferd zu helfen. Erst in den Steigbügel, dann das
Bein über den Nacken des Pferdes schwingen und auf der anderen Seite baumeln
lassen.
Es ging ganz leicht, wie sich herausstellte, und in einem Bruchteil der Zeit
sass Wayesh seinerseits auf Ayan.
„Können wir losreiten?“, fragte der Häuptlingssohn, nicht auf eine Antwort
wartend und seinen Rappen gleichzeitig zu einem leichten Trab ansetzend.
Gerade als die beiden Reiter das Tor passiert hatten, öffnete die Sklavin ihren
zierlichen Mund und grinste.
„Mein Name ist Naliaka, und ein Stück weit muss ich meinem ehemaligen Besitzer
bezüglich Eurer Verrücktheit schon Recht geben, Herr Wayesh.“
Eine Story ohne Titel
Der Zufall ist der einzig legitime Herrscher
des Universums
-Napoleon Bonaparte
Einem
Brechreiz nahe zog Aron einen Stofflumpen aus seiner Tasche und hielt ihn sich
schützend vor das Gesicht.
Immerhin
war sein linker Arm zu dem noch nütze, bei den Verletzungen, die ihm zugefügt
worden waren, war es ein Wunder, dass er ihn überhaupt noch bewegen konnte.
Er lebte.
Mit zwei Armen.
Ob sich der
Soldat nun Freuen oder Schämen sollte, darüber wollte er gar nicht nachdenken,
als er über das Schlachtfeld stapfte.
Mit ganzer
Konzentration versuchte er, nicht auf die leblosen Leiber unter ihm zu treten,
doch es liess sich alle paar Meter kaum verhindern.
Ein kühler
Nordwind zerzauste Arons blutgetränktes Haar, das matt und glanzlos bis zu den
Schultern hing. Gequält blieb er stehen und schweifte mit seinen Blicken über
die Szenerie: Bis zum Horizont hin, in dessen Ferne sich ein spitzer Berg
aufrichtete, war das frühherbstliche Gras mit Leichen bedeckt.
Teils waren
sie grausam verstümmelt, manchen fehlten sämtliche Gliedmassen. Gebrochene
Speere und Standarten lugten zwischen den Körpern empor, beim Gehen knickte
Aron oftmals versehentlich auch Pfeile um, die in den Toten steckten.
Und wofür?
Die schwer
werdenden Augen des Kriegers verengten sich, als ein Lichtstrahl in sie fuhr.
Für ein
Stück Land. Für ein paar Goldmünzen. Für Ruhm und Ehre. Für die Erhaltung der
eigenen Familie…
Ein
extremes Unbehagen liess Aron erschaudern. Er schien meilenweit der einzige zu
sein, der noch heil auf dem Schlachtfeld wandelte.
War er
schuldig?
Natürlich.
Jeder
Schwertstreich und jede Parade hatte seine Reinheit ein Stück weit fortgewaschen,
wie ein Schwamm es in einer Schenke mit Essensresten auf einem Tisch tat.
Er hatte
sich des Verrates an seinen Kameraden schuldig gemacht, denn sie waren tot und
er der einzige, der noch lebte. Etwas musste er falsch gemacht haben.
Ein Stöhnen
erklang aus der Nähe und der Überlebende fuhr herum.
Hatte
jemand anderes sich retten können? War er doch nicht allein?
Ein
Schweisstropfen rann seine Stirn hinab und er sah sich um.
Nichts.
Niemand.
Plötzlich
schoss etwas von unten hervor und legte sich eisern um seinen Unterarm,
erschrocken schrie Aron auf und sprang instinktiv rückwärts.
Dann
endlich sah er sie.
Geweitet
und eisblau starrten sie ihn an, die beiden Augen, die zum Besitzer des Armes
gehörten, der den Arm des Soldaten noch immer fest umklammert hielt.
Das Blutbad
war im Gegensatz zu dieser Situation ein Kinderspiel gewesen – Blut war
geflossen und Klingen hatten gebohrt, gehackt und geschlagen, doch alle waren
durch einen gemeinsamen Leidensweg vereint gewesen, ob Freund oder Feind.
Jeder hatte
den anderen verstanden, doch die Armut hatte keinen Frieden zugelassen.
„Nimm mich
mit“, forderte der zwischen Leichen liegende Soldat mit schwacher Stimme. Sein
Gesicht hatte wohl den Schlag eines Streitkolbens abbekommen, denn die eine
Hälfte erinnerte mehr an einen rötlichen Brei als an die Visage eines Menschen.
Die Knöchel in der Hand des Mannes färbten sich weiss, als Arons Reaktion ausblieb.
„Bitte…“,
fügte der Verletzte an und deutete auf zwei blutige Stummel irgendwo im
Leichenteppich hinter sich.
„Ich habe
keine Beine mehr… Aber du kannst mir helfen!“
Das Gesicht
des Mannes sprach Bände. Der Blutverlust versetzte den Sterbenden scheinbar in
einen deliriumsartigen Zustand. Schweiss rann ihm in Bächen über das Gesicht
und er begann zu zittern. Der Griff seiner bleichen Hand lockerte sich und Aron
stand noch immer wie gebannt da. Er hatte Mühe, seine Gedanken zu verarbeiten.
Was für ein
Wahnsinn war es, der die Welt beherrschte? Welcher Gott liess so etwas zu?
Eine Träne
der Verzweiflung rann über sein Gesicht und er wollte einen Schritt zurückgehen,
doch die Hand versteinerte in ihrem Griff erneut.
Der
Sterbende schüttelte flehend den Kopf, seine Lippen zuckten.
Er wollte
etwas sagen, doch die Schwäche nahm ihm selbst dazu die Kraft. Alles, was er
noch konnte, war verbissen um Arons Anwesenheit zu kämpfen.
„Lass mich
los!“, schrie der Soldat und versuchte, seinen Arm aus dem grausamen Schraubstock
zu reissen, doch der Verblutende liess nicht locker. Seine weissblauen,
glasigen Augen starrten Aron unentwegt an, als würden sie ihn Anklagen.
„LASS MICH
LOS!“, schrie er erneut und Tränen lösten sich aus seinen geröteten Augen. Der
Griff blieb so fest wie zuvor.
Rasend vor
Panik zog Aron sein schartiges Schwert, und die Augen des Sterbenden weiteten
sich noch ein Stück, als der Soldat ausholte. Mit voller Wucht versenkte Aron
seine Waffe im schlohweissen Arm des Sterbenden und trennte ihn so sauber
entzwei. Eine viel zu kleine Menge an Blut spritzte aus dem Stumpf und der
Verletzte kreischte hell auf, den Blick noch immer auf Aron gerichtet, der nun
zurückwich.
Nach
einigen Sekunden des stummen gegenseitigen Anstarrens erhob der Mann am Boden
ein letztes Mal den Zeigefinger der verbliebenen Hand und hauchte:
„Heute
starben zwanzigtausend Menschen. Du bist der einzige Überlebende. Mörder!“
Dann sackte
der Körper zusammen, die Atmung endete. Mit weit offenen Augen, die noch immer
anklagend auf Aron blickten, liess der Tote das leben aus sich weichen.
Von einer
Gedankenflut überschwemmt wandte der entgeisterte Soldat sich um und blickte
gen Sonne.
Immerhin.
Er hatte
überlebt.
Nach dem Ende
GENRE: Fantasy/Tragikomödie
WISSENSWERTES: Habe damit beim Stauffacher-Kurzgeschichtenwettbewerb 05 mitgemacht, jedoch erfolglos.
Nach dem Ende
So hätte kein Märchen enden dürfen, nie im Leben… Es war pure Ironie,
dass die Geschichte so endete, einfach absolut absurd.
Nun lag er also da, aus etlichen Wunden blutend, von Krallen und Zähnen
zum Krüppel gemacht und vom Feuer geröstet. Seine Rüstung war bei letzterem
geschmolzen und setzte sich nun schmerzhaft auf der Haut fest wie
dickflüssiges, brennendes Wasser. Die Rüstung war kurzerhand zu einem Feuerofen
geworden, zu einem geschmolzenen Stück Stahl, wie es wohl gerade beim Schmied auf
dem Amboss lag, bei dem er seine Rüstung in jüngeren Jahren voller Stolz
gekauft hatte.
Märchenritter war die falsche Berufswahl gewesen… Der Drache lag zwar
geköpft neben ihm, doch er konnte nicht weg – Das Biest hatte ihn ein Bein gekostet
und seine Rüstung so eingeschmolzen, dass er völlig reglos am Leichnam des
Untieres angelehnt sass, sich kein Stück bewegen konnte und den Tod erwartete.
Das flüssige Eisen versengte seine Haut, doch er wollte weder schreien,
noch weinen, noch irgendetwas anderes tun, um sich möglicherweise retten zu
können.
Sein Leben war eine Ironie gewesen, nichts als eine Lüge. Er hatte
jahrelang trainiert, Körper und Geist gestählt, hatte sich in den
Rittertugenden belehren lassen und war brav jeden Sonntag zur Kirche gegangen.
Am Ende war nicht einmal die
gerettete Prinzessin ihm hold gewesen. Als er da verkrüppelt in schmelzendem
Eisen und triefendem Blut gelegen hatte, hatte die Maid ihn nur entsetzt
angesehen, sich abgewandt und war davongerannt, ohne seine verzweifelten Rufe
zu beachten. Nun hatte er nichts mehr, was verhinderte, ihn zu einem totalen
Nihilisten mutieren zu lassen – Sein Glauben an das Gute, seine Sehnsucht nach
der holden Maid, die er befreit hatte, seine stolze Rüstung und sein rechtes
Bein. Alles weg.
Im Delirium des brennenden Schmerzes bemerkte er nicht einmal, wie das
Eisen langsam fest wurde. In wenigen Minuten würde er sich kein Stück mehr
bewegen können.
Wenigstens wusste er, jetzt, wo sein Leben verdammt war, wie es war, in
flüssigem Eisen zu liegen.
Schon fast erregend brachte der Schmerz seine Nerven zum Pochen, liess
ihn ein feuriges Schaudern fühlen und brach seinen Lebenswillen.
Um Gottes Willen, werde
Schneider! hatte ihm seine alte Frau Mutter einst gesagt, als er seinen sonderbaren
Wunsch geäussert hatte. Hätte er auf sie gehört, hätte ihm genau in diesem
Augenblick möglicherweise Eine Nadel die Pulsschlagadern aufgestochen. Etwas
Ähnliches hätte ihn nicht mehr verwundert, das Leben war für ihn ein Absurdium
ohnegleichen. Erst nun taten sich ihm Grenzen auf, die niemandem auf der Welt
hätten gesprengt werden sollen. Er begriff allmählich, was das Leben brachte.
Tod. Verdammnis. Schmerzen. Enttäuschung.
Andauernd hatte er sich vorgestellt, wie er als alter Mann, umgeben von
einer Horde Kindern auf der Veranda eines schönen Hauses sass, im Schaukelstuhl
umherlümmelnd und eine Pfeife stopfend. Das kleinste Kind, ein liebreizendes
Mädchen von zwei Jahren, hätte auf seinem Schoss gesessen.
Habe ich euch die
Geschichte vom Drachen schon erzählt?, würde er fragen,
und seine Enkel würden mit Freuden seinem prosaischen Können lauschen, während
himmlische Düfte die Tür von Innen verliessen. Die Maid backte wieder Kuchen,
Kuchen, dieses herrliche Gebäck…
Die Realität war überaus ernüchternd.
Hoffentlich würde sich jemand an ihn erinnern. Er wollte keine
Vergessenheit werden, nicht einer von den Vielen, die im Strudel der Zeit
verschlungen worden waren, kein Kind der Ewigkeit, dessen Namen irgendwo da
unterging, wo neues begann.
Draussen vor der Höhle schien die Sonne in lichtem Glanz. Singvögel
zwitscherten und Eichhörnchen hüpften durch die Bäume, welche im Licht wirkten,
als wäre der Mensch verpflichtet, in jeder Situation euphorisch zu sein.
Niemand sprach über die Toten, über die, die gerade in diesem Moment die
Kunst der Folter erleben durften, beziehungsweise mussten. Und niemand gedachte
der Opfer jenseits des Meeres, niemand glaubte daran, dass man irgendwo auf der
sonnigen Welt verhungern konnte, geschweige denn verdursten.
Lieber las man die Abschiedsphantasien eines Mannes, dessen Leben im
selben Moment enden würde wie das von Dutzenden von Kindern.
Und das war gut so. Im matten Glanz der vor schmerzen funkelnden Augen
erkannte man die traurige Wahrheit, die das Leben des Ritters ins irrationale
umgekrempelt hatte: Sein Leben war eine Farce gewesen, er hatte Schatten
nachgejagt und Irrlichter befreit, tagtäglich hatte die romantische Fantasie
des edlen Retters seinen Realitätssinn verdorben, hatte ihm das Interesse am
Leben ausgesaugt und ihn zu einem Gläubigen gemacht. Einem Gläubigen der
Religion, die sein eigenes Gehirn ihm geschaffen hatte, die sein Leben verrenkt
und ihn nur noch an Drachen und entführe Jungfern denken gelassen hatte.
Bestimmt starb gerade in diesem Moment, in der Sekunde, in der seine
Philosophie sich dem Höhepunkt näherte, irgendwo ein Mensch. Irgendwo,
irgendwie bestimmt, also musste er sich hier nicht alleine fühlen.
Oder doch?
Vielleicht bildete er sich das nur ein und das gesamte Universum kreiste
zurzeit nur um ihn, sein Schicksal und seinen Tod.
Gab es Schicksal? Diese dunkle, unheilvolle Kraft, die nur auf das
Sterben erpicht war?
Langsam schloss er seine Augen, er hatte genug. Letzte Gedanken
tummelten sich in seinem Gehirn, fluteten die Zellen und machten ihm leichtes Kopfweh.
Das letzte Denken brachte ihn weiter als jede Schlussfolgerung in seinem
unwichtigen, verschenkten Leben.
Und dann, endlich, schwebte er sachte von dannen…