Eine Story ohne Titel
Der Zufall ist der einzig legitime Herrscher
des Universums
-Napoleon Bonaparte
Einem
Brechreiz nahe zog Aron einen Stofflumpen aus seiner Tasche und hielt ihn sich
schützend vor das Gesicht.
Immerhin
war sein linker Arm zu dem noch nütze, bei den Verletzungen, die ihm zugefügt
worden waren, war es ein Wunder, dass er ihn überhaupt noch bewegen konnte.
Er lebte.
Mit zwei Armen.
Ob sich der
Soldat nun Freuen oder Schämen sollte, darüber wollte er gar nicht nachdenken,
als er über das Schlachtfeld stapfte.
Mit ganzer
Konzentration versuchte er, nicht auf die leblosen Leiber unter ihm zu treten,
doch es liess sich alle paar Meter kaum verhindern.
Ein kühler
Nordwind zerzauste Arons blutgetränktes Haar, das matt und glanzlos bis zu den
Schultern hing. Gequält blieb er stehen und schweifte mit seinen Blicken über
die Szenerie: Bis zum Horizont hin, in dessen Ferne sich ein spitzer Berg
aufrichtete, war das frühherbstliche Gras mit Leichen bedeckt.
Teils waren
sie grausam verstümmelt, manchen fehlten sämtliche Gliedmassen. Gebrochene
Speere und Standarten lugten zwischen den Körpern empor, beim Gehen knickte
Aron oftmals versehentlich auch Pfeile um, die in den Toten steckten.
Und wofür?
Die schwer
werdenden Augen des Kriegers verengten sich, als ein Lichtstrahl in sie fuhr.
Für ein
Stück Land. Für ein paar Goldmünzen. Für Ruhm und Ehre. Für die Erhaltung der
eigenen Familie…
Ein
extremes Unbehagen liess Aron erschaudern. Er schien meilenweit der einzige zu
sein, der noch heil auf dem Schlachtfeld wandelte.
War er
schuldig?
Natürlich.
Jeder
Schwertstreich und jede Parade hatte seine Reinheit ein Stück weit fortgewaschen,
wie ein Schwamm es in einer Schenke mit Essensresten auf einem Tisch tat.
Er hatte
sich des Verrates an seinen Kameraden schuldig gemacht, denn sie waren tot und
er der einzige, der noch lebte. Etwas musste er falsch gemacht haben.
Ein Stöhnen
erklang aus der Nähe und der Überlebende fuhr herum.
Hatte
jemand anderes sich retten können? War er doch nicht allein?
Ein
Schweisstropfen rann seine Stirn hinab und er sah sich um.
Nichts.
Niemand.
Plötzlich
schoss etwas von unten hervor und legte sich eisern um seinen Unterarm,
erschrocken schrie Aron auf und sprang instinktiv rückwärts.
Dann
endlich sah er sie.
Geweitet
und eisblau starrten sie ihn an, die beiden Augen, die zum Besitzer des Armes
gehörten, der den Arm des Soldaten noch immer fest umklammert hielt.
Das Blutbad
war im Gegensatz zu dieser Situation ein Kinderspiel gewesen – Blut war
geflossen und Klingen hatten gebohrt, gehackt und geschlagen, doch alle waren
durch einen gemeinsamen Leidensweg vereint gewesen, ob Freund oder Feind.
Jeder hatte
den anderen verstanden, doch die Armut hatte keinen Frieden zugelassen.
„Nimm mich
mit“, forderte der zwischen Leichen liegende Soldat mit schwacher Stimme. Sein
Gesicht hatte wohl den Schlag eines Streitkolbens abbekommen, denn die eine
Hälfte erinnerte mehr an einen rötlichen Brei als an die Visage eines Menschen.
Die Knöchel in der Hand des Mannes färbten sich weiss, als Arons Reaktion ausblieb.
„Bitte…“,
fügte der Verletzte an und deutete auf zwei blutige Stummel irgendwo im
Leichenteppich hinter sich.
„Ich habe
keine Beine mehr… Aber du kannst mir helfen!“
Das Gesicht
des Mannes sprach Bände. Der Blutverlust versetzte den Sterbenden scheinbar in
einen deliriumsartigen Zustand. Schweiss rann ihm in Bächen über das Gesicht
und er begann zu zittern. Der Griff seiner bleichen Hand lockerte sich und Aron
stand noch immer wie gebannt da. Er hatte Mühe, seine Gedanken zu verarbeiten.
Was für ein
Wahnsinn war es, der die Welt beherrschte? Welcher Gott liess so etwas zu?
Eine Träne
der Verzweiflung rann über sein Gesicht und er wollte einen Schritt zurückgehen,
doch die Hand versteinerte in ihrem Griff erneut.
Der
Sterbende schüttelte flehend den Kopf, seine Lippen zuckten.
Er wollte
etwas sagen, doch die Schwäche nahm ihm selbst dazu die Kraft. Alles, was er
noch konnte, war verbissen um Arons Anwesenheit zu kämpfen.
„Lass mich
los!“, schrie der Soldat und versuchte, seinen Arm aus dem grausamen Schraubstock
zu reissen, doch der Verblutende liess nicht locker. Seine weissblauen,
glasigen Augen starrten Aron unentwegt an, als würden sie ihn Anklagen.
„LASS MICH
LOS!“, schrie er erneut und Tränen lösten sich aus seinen geröteten Augen. Der
Griff blieb so fest wie zuvor.
Rasend vor
Panik zog Aron sein schartiges Schwert, und die Augen des Sterbenden weiteten
sich noch ein Stück, als der Soldat ausholte. Mit voller Wucht versenkte Aron
seine Waffe im schlohweissen Arm des Sterbenden und trennte ihn so sauber
entzwei. Eine viel zu kleine Menge an Blut spritzte aus dem Stumpf und der
Verletzte kreischte hell auf, den Blick noch immer auf Aron gerichtet, der nun
zurückwich.
Nach
einigen Sekunden des stummen gegenseitigen Anstarrens erhob der Mann am Boden
ein letztes Mal den Zeigefinger der verbliebenen Hand und hauchte:
„Heute
starben zwanzigtausend Menschen. Du bist der einzige Überlebende. Mörder!“
Dann sackte
der Körper zusammen, die Atmung endete. Mit weit offenen Augen, die noch immer
anklagend auf Aron blickten, liess der Tote das leben aus sich weichen.
Von einer
Gedankenflut überschwemmt wandte der entgeisterte Soldat sich um und blickte
gen Sonne.
Immerhin.
Er hatte
überlebt.
Nach dem Ende
GENRE: Fantasy/Tragikomödie
WISSENSWERTES: Habe damit beim Stauffacher-Kurzgeschichtenwettbewerb 05 mitgemacht, jedoch erfolglos.
Nach dem Ende
So hätte kein Märchen enden dürfen, nie im Leben… Es war pure Ironie,
dass die Geschichte so endete, einfach absolut absurd.
Nun lag er also da, aus etlichen Wunden blutend, von Krallen und Zähnen
zum Krüppel gemacht und vom Feuer geröstet. Seine Rüstung war bei letzterem
geschmolzen und setzte sich nun schmerzhaft auf der Haut fest wie
dickflüssiges, brennendes Wasser. Die Rüstung war kurzerhand zu einem Feuerofen
geworden, zu einem geschmolzenen Stück Stahl, wie es wohl gerade beim Schmied auf
dem Amboss lag, bei dem er seine Rüstung in jüngeren Jahren voller Stolz
gekauft hatte.
Märchenritter war die falsche Berufswahl gewesen… Der Drache lag zwar
geköpft neben ihm, doch er konnte nicht weg – Das Biest hatte ihn ein Bein gekostet
und seine Rüstung so eingeschmolzen, dass er völlig reglos am Leichnam des
Untieres angelehnt sass, sich kein Stück bewegen konnte und den Tod erwartete.
Das flüssige Eisen versengte seine Haut, doch er wollte weder schreien,
noch weinen, noch irgendetwas anderes tun, um sich möglicherweise retten zu
können.
Sein Leben war eine Ironie gewesen, nichts als eine Lüge. Er hatte
jahrelang trainiert, Körper und Geist gestählt, hatte sich in den
Rittertugenden belehren lassen und war brav jeden Sonntag zur Kirche gegangen.
Am Ende war nicht einmal die
gerettete Prinzessin ihm hold gewesen. Als er da verkrüppelt in schmelzendem
Eisen und triefendem Blut gelegen hatte, hatte die Maid ihn nur entsetzt
angesehen, sich abgewandt und war davongerannt, ohne seine verzweifelten Rufe
zu beachten. Nun hatte er nichts mehr, was verhinderte, ihn zu einem totalen
Nihilisten mutieren zu lassen – Sein Glauben an das Gute, seine Sehnsucht nach
der holden Maid, die er befreit hatte, seine stolze Rüstung und sein rechtes
Bein. Alles weg.
Im Delirium des brennenden Schmerzes bemerkte er nicht einmal, wie das
Eisen langsam fest wurde. In wenigen Minuten würde er sich kein Stück mehr
bewegen können.
Wenigstens wusste er, jetzt, wo sein Leben verdammt war, wie es war, in
flüssigem Eisen zu liegen.
Schon fast erregend brachte der Schmerz seine Nerven zum Pochen, liess
ihn ein feuriges Schaudern fühlen und brach seinen Lebenswillen.
Um Gottes Willen, werde
Schneider! hatte ihm seine alte Frau Mutter einst gesagt, als er seinen sonderbaren
Wunsch geäussert hatte. Hätte er auf sie gehört, hätte ihm genau in diesem
Augenblick möglicherweise Eine Nadel die Pulsschlagadern aufgestochen. Etwas
Ähnliches hätte ihn nicht mehr verwundert, das Leben war für ihn ein Absurdium
ohnegleichen. Erst nun taten sich ihm Grenzen auf, die niemandem auf der Welt
hätten gesprengt werden sollen. Er begriff allmählich, was das Leben brachte.
Tod. Verdammnis. Schmerzen. Enttäuschung.
Andauernd hatte er sich vorgestellt, wie er als alter Mann, umgeben von
einer Horde Kindern auf der Veranda eines schönen Hauses sass, im Schaukelstuhl
umherlümmelnd und eine Pfeife stopfend. Das kleinste Kind, ein liebreizendes
Mädchen von zwei Jahren, hätte auf seinem Schoss gesessen.
Habe ich euch die
Geschichte vom Drachen schon erzählt?, würde er fragen,
und seine Enkel würden mit Freuden seinem prosaischen Können lauschen, während
himmlische Düfte die Tür von Innen verliessen. Die Maid backte wieder Kuchen,
Kuchen, dieses herrliche Gebäck…
Die Realität war überaus ernüchternd.
Hoffentlich würde sich jemand an ihn erinnern. Er wollte keine
Vergessenheit werden, nicht einer von den Vielen, die im Strudel der Zeit
verschlungen worden waren, kein Kind der Ewigkeit, dessen Namen irgendwo da
unterging, wo neues begann.
Draussen vor der Höhle schien die Sonne in lichtem Glanz. Singvögel
zwitscherten und Eichhörnchen hüpften durch die Bäume, welche im Licht wirkten,
als wäre der Mensch verpflichtet, in jeder Situation euphorisch zu sein.
Niemand sprach über die Toten, über die, die gerade in diesem Moment die
Kunst der Folter erleben durften, beziehungsweise mussten. Und niemand gedachte
der Opfer jenseits des Meeres, niemand glaubte daran, dass man irgendwo auf der
sonnigen Welt verhungern konnte, geschweige denn verdursten.
Lieber las man die Abschiedsphantasien eines Mannes, dessen Leben im
selben Moment enden würde wie das von Dutzenden von Kindern.
Und das war gut so. Im matten Glanz der vor schmerzen funkelnden Augen
erkannte man die traurige Wahrheit, die das Leben des Ritters ins irrationale
umgekrempelt hatte: Sein Leben war eine Farce gewesen, er hatte Schatten
nachgejagt und Irrlichter befreit, tagtäglich hatte die romantische Fantasie
des edlen Retters seinen Realitätssinn verdorben, hatte ihm das Interesse am
Leben ausgesaugt und ihn zu einem Gläubigen gemacht. Einem Gläubigen der
Religion, die sein eigenes Gehirn ihm geschaffen hatte, die sein Leben verrenkt
und ihn nur noch an Drachen und entführe Jungfern denken gelassen hatte.
Bestimmt starb gerade in diesem Moment, in der Sekunde, in der seine
Philosophie sich dem Höhepunkt näherte, irgendwo ein Mensch. Irgendwo,
irgendwie bestimmt, also musste er sich hier nicht alleine fühlen.
Oder doch?
Vielleicht bildete er sich das nur ein und das gesamte Universum kreiste
zurzeit nur um ihn, sein Schicksal und seinen Tod.
Gab es Schicksal? Diese dunkle, unheilvolle Kraft, die nur auf das
Sterben erpicht war?
Langsam schloss er seine Augen, er hatte genug. Letzte Gedanken
tummelten sich in seinem Gehirn, fluteten die Zellen und machten ihm leichtes Kopfweh.
Das letzte Denken brachte ihn weiter als jede Schlussfolgerung in seinem
unwichtigen, verschenkten Leben.
Und dann, endlich, schwebte er sachte von dannen…