Blutssiegel - Kapitel 2
voilà.
Die
Feldwege in der nahen Umgebung von Syskay waren noch ziemlich gut sichtbar,
wenn man sie mit den verworrenen Erdstreifen in der Wildnis verglich.
Es würden rund zwei Reisetage werden, wobei Wayesh hoffte, dass es noch keine
Probleme geben würde.
Scheinbar beherrschte Naliaka das Reiten doch, denn sie hielt sich durchaus so
im Sattel, dass man ihren Reitstil als Elegant bezeichnen konnte, trotz der
verdreckten, ausgemergelten äusseren Erscheinung, die beseitigt werden würde,
sobald sie in Wanakye ankämen.
Gerade, als ein sanfter Westwind über die Prärie strich, die Halme mystisch im
Wind bog, als würden sie sich vor einem Kaiser auf die Knie werfen, die Mähnen
der Pferde und das Haar ihrer Reiter sanft wehen liess, begann Naliaka ein
Gespräch.
„Weshalb habt Ihr mich gekauft?“
Wayesh sah hinüber und seine Begleiterin an.
„Nenne es eine Befreiungsaktion“, erwiderte er trocken.
Die Sklavin sah zu ihm hoch, einen fragenden Glanz in den Augen.
„Aber wieso?“
Plötzlich schmunzelte der Häuptlingssohn und räusperte sich, wie er es öfters
tat.
„Schon vergessen? Ich bin ein Irrer!“
Naliaka lachte.
„Das glaube ich Euch…“
Nun begann auch Wayesh zu lachen, woraufhin jedoch wieder Stille eintrat.
Beide betrachteten die Natur um sich herum:
Habichte und Bussarde, möglicherweise sogar ein Steppenadler dazwischen,
kreisten am Himmel, stets nach Beutetieren suchend.
Hin und wieder raschelte etwas durchs meterhohe Gras, was meistens mit dem
Hinabstossen eines Raubvogels beantwortet wurde.
Einige einsame Weiden- und Laubbäume brachten Abwechslung in die Endlose
Prärie, während kleine, plätschernde Bäche die Natur um sich herum nährten und
dem Boden das zurückgaben, was die Bäume und Wiesen ihm entzogen.
Fast das ganze Land war auf diese Weise beschaffen.
Zwar
gab es im Süden einige Hügelketten und in dem Mitte von Kimbal einen grossen
See, sowie im nahen Norden von Wayeshs Dorf einen ansehnlichen Berg, doch
grundsätzlich konnte man davon ausgehen, stundenlang durch monotone Prärie zu
reiten und bis an den Horizont zu sehen.
Wayesh liebte dieses Terrain, er identifizierte es am ehesten mit Freiheit.
Wo andere sich beim Ritt durch das Grasland langweilten, konnte er stunden- und
tagelang durch Kimbal reisen und hatte selbst dann noch nicht genug.
Den grössten Teil seiner Zeit verbrachte er in der Wildnis, jagte, forschte
oder ritt ziellos umher.
„Du brauchst übrigens nicht die Höflichkeitsform zu benutzen“, griff Wayesh die
Diskussion plötzlich wieder auf, „Du bist keine Sklavin mehr.“
Verwundert sah Naliaka zu ihm hinüber.
„Ihr… Ich meine… Du scheinst wirklich verrückt zu sein. Zweitausend Goldstücke
für eine Sklavin, die du nicht als solche willst und die dir nur Ärger bringen
wird.“
Verständnislos schüttelte die Schönheit auf der Stute ihren ansehnlichen Kopf.
„An wen bin ich hier bloss geraten?“
Obwohl Wayesh genauestens wusste, dass diese Frage rhetorisch gewesen war,
antwortete mit einem einfachen „An jemanden, der dir helfen kann“ und
betrachtete wieder die schier endlose Prärie, den Blick von Naliaka abwendend.
Es war bereits späterer Nachmittag, die Sonne hatte den Zenit seit einigen
Stunden schon verlassen.
Wayesh war überaus glücklich mit den Ergebnissen des Tages: Er hatte gefunden,
was er so lange erfolglos gesucht hatte.
Zahayk würde sich über diesen Fund freuen, und endlich würde auch der
Häuptlingssohn selbst mit seinen Studien vorankommen…
Hoffte er jedenfalls.
Spätestens das erste Opfer würde zeigen, ob sich die zweitausend Goldstücke
gelohnt hatten.
Wieder strich ein sanfter Wind über die Ebenen und Wayesh erkannte in der Ferne
einen grossen, gen Himmel gespitzten Felsen. Es war der Dakmya, ein Fels von
dem gesagt wurde, dass die Götter selbst ihn an seinen Platz gestellt hatten…
Und irgendwie fand der Häuptlingssohn, dass das stimmen musste, denn der Dakmya
kennzeichnete die exakte Mitte von Kimbal.
„Wir werden am Dakmya rasten, die Nacht bricht schon langsam herein.“, schloss
Wayesh kühl und beschleunigte zu einem leichten Galopp.
Naliaka tat es ihm schmunzelnd gleich.
Irgendwie fand sie seine Art speziell… Er war stets kühl, und doch versprühte
dieser fremde Mann eine Wärme, wie sie es noch nie erlebt hatte.
Auch wenn sie seine Motive nicht kannte fühlte sie sich so weit geborgen, dass
sie überhaupt nicht daran dachte, ausreissen oder ihn töten zu wollen…
Eigentlich hatte sie noch nie jemanden wirklich töten wollen, doch es gab
Phasen, in denen sie sich nicht kontrollieren konnte.
Bisher hatte ihr diese Eigenschaft grösstenteils Glück gebracht…
Beim Dakmya angekommen stiegen sie beide von ihren Pferden ab.
Es gab keine Möglichkeit, sie anzubinden, doch das war auch nicht nötig. Wo
Ayan hinging ging auf die Stute hin, und wenn Wayesh Ayan zurückrief, folgte er
immer.
Schweigend knöpfte der Häuptlingssohn sein edles Kleid auf und warf es achtlos
über einen umherstehenden Felsbrocken.
Naliaka sah ihm zu, wie er, in eine luftige, braune Leinenhose und ein weites
Hemd gekleidet sein Gepäck von Ayan herunternahm und es vor sich hinlegte. Sie
tat es ihm nach und nahm Sattel sowie sämtliche Taschen vom Rücken der Stute
herunter.
Wie auf Befehl verschwanden die Pferde in der Prärie und Wayesh bleib mit
Naliaka allein zurück.
Ohne eine Konversation einzugehen zog Wayesh einen geschmeidigen, nicht allzu
langen Speer aus seinem Gepäck hervor.
„Ich gehe jagen“, wandte er sich an die Frau, „In meinem Gepäck findest du ein
Bündel trockenes Holz. Mach bitte Feuer.“
Lächelnd nickte sie und begann sogleich, das Gepäck nach dem Holz zu
durchsuchen, als ihr Begleiter im hohen Gras verschwand.
Um den Dakmya herum war das Gras stets gut geschnitten und etliche Feuerstellen
dienten Reisenden als Rastpunkt.
In der Nähe lebten Einsiedler, die sich hin und wieder um den heiligen Felsen,
der steil in die Spitze ragte und an die Statue einer Klinge erinnerte,
kümmerten.
Naliaka wusste das nur, weil ihr letzter Besitzer ein fahrender Händler gewesen
war.
Er war weniger grausam gewesen als der Käufer vor ihm, doch er hatte trotzdem
sterben müssen… Das musste jeder, der Naliaka nicht in einem Käfig festhielt.
Seufzend kniete sie sich nieder und begann, die Holzscheite zu einer
Pyramidenform zusammenzustellen.
Es war ihr ein Rätsel, was dieser Wayesh von ihr wollte.
Er hatte auf die Sklaven auf der Bühne verzichtet und dem Händler zweitausend
Goldstücke gegeben, für eine Sklavin, die er nicht einmal als solche wollte…
Sie durfte ihn duzen, sprechen wann immer sie wollte und musste weder Hand-
noch Halsschellen tragen.
Zwar wusste Naliaka nicht, wo dieser merkwürdige und –zugegebenermassen-
hübsche Fremde sie hinbrachte, doch er machte keinerlei Anschein, als wolle er
ihr schlechtes.
Als das „Zelt“ stand, füllte Naliaka die Lücken mit trockenem Laub und setzte
sie durch Reibung mithilfe eines kleinen Stocks in Flammen.
Kurzerhand wähnte sie sich einem ansehnlichen, fröhlich tänzelnden Feuerchen
gegenüber.
Schweigend setzte sie sich auf der anderen Seite hin, mit dem Rücken gegen den
Dakmya lehnend. Irgendwie vermittelte der heilige Fels ihr eine spirituelle
Wärme, ein Gefühl, welches ihr sagte: Es wird gut.
Es war bereits gut. Zu gut…
Irgendwie fühlte sie sich viel zu geborgen. Möglicherweise war es die
monatelange Einsamkeit, die Schläge und die Angst gewesen, die ihr die Kenntnis
der Geborgenheit genommen hatten, Naliaka wusste es nicht.
Sie wusste lediglich, dass auch dieses Glück, diese Freiheit, irgendwann enden
musste… So wie alles, was sie bisher in ihrem Leben gehabt hatte.
Ihr anfangs glückliches Leben, die Zeit ihrer Sklaverei. Alle Phasen waren
geendet.
Doch die Angst vor der Vergänglichkeit war nicht der einzige Gedanke, der sie
beunruhigte… Was wäre, wenn sie selbst das Ende dieser neuen, besseren Zeit
einläutete? Niemand akzeptierte ihresgleichen, was war schon immer so gewesen
und würde bis in alle Ewigkeit so bleiben.
Und Naliaka verstand dieses Denken auch. Sie selbst hatte einst so gedacht, bis
sie mit dem Feind in sich selber konfrontiert worden war.
Sie war in diesem Kampf unterlegen, hatte sich ihrem Feind gebeugt und hatte
sich daran gewöhnt, gehasst zu werden.
Der Sklavenhändler hatte Recht gehabt: Entweder wusste Wayesh nicht, worauf er
sich bei ihr einliess, oder er war tatsächlich verrückt…
Noch eine Weile starrte Naliaka nachdenklich und aus vielsagenden, geprägten
Augen in die tanzende Flamme.
Schon etwa eine halbe Stunde später kam Wayesh, beladen mit einer jungen
Antilope, zurück.
Das braune Tier war bereits ausgeweidet und ausgeblutet, weswegen Wayesh nur
noch mit einem Dolch den Pelz entfernen musste, damit die Beute kurz darauf
über dem Feuer braten konnte.
Er und Naliaka starrten schweigend in die Flammen, als das Fleisch triefend an
Stöcken über den Flammenzungen hing.
Die Nacht brach sachte herein und der Mond erhob sich wie üblich schon lange,
bevor die Sonne in den Prärien verschwunden war.
Angesichts dieses Schauspiels wandten beide beinahe gleichzeitig den Kopf ab
und betrachteten den verschwommenen, roten Horizont, der die rote Kugel, welche
kontinuierlich sank, langsam verschlang.
Der Mond über der Sonne brachte ebenfalls sein silbernes Licht zum Vorschein,
in welchem die ganze Szenerie wie ein nie endender Zyklus erschien… Der es
eigentlich auch war.
Unentwegt beobachteten Naliaka und Wayesh den Sonnenuntergang, bis nur noch ein
winziger, roter Strich über die im Winde wehenden Halme blickte, der Himmel
zuerst noch rot war und danach gleich in eine helle Dunkelheit wechselte, wie
sie typisch für den Tageslauf von Kimbal war.
Die Prärie war nie wirklich finster, zwischen den dunklen Nachtwolken sah man
stets helle Streifen, die die endlosen Wiesen beleuchteten und die Wildgräser
aussehen liessen wie ein wehendes Meer aus silbernen Fäden, die gen Himmel
gezogen wurden.
Manch einer fürchtete sich beim Anblick dieses Spektakels, doch Wayesh liebte
es…
Naliaka zitterte leicht und betrachtete den vollen Mond, wie er am Himmel stand
und seit hunderten von Jahren gelassen immer dieselbe Bahn nahm, in der er
nächtlich rotierte.
„Ist dir kalt?“, fragte Wayesh plötzlich, als auch das letzte Bisschen Sonne
gewichen war.
„Warum fragst du?“, erwiderte sie kurz angebunden und scheinbar etwas
verschüchtert.
„Du zitterst.“
Der Häuptlingssohn grinste und fügte hinzu:
„Wenn du willst, kannst du eine Decke haben, ich habe einige dabei…“
Lächelnd schüttelte Naliaka den Kopf und winkte spielerisch ab.
„Nein, nein, mir ist nicht kalt… Danke der Nachfrage.“
Wayesh lächelte zurück und zuckte die Achseln.
Gähnend lehnte er sich zurück und schaute in die matt silbern wogenden Wiesen.
„Warum wolltest du gerade mich?“
Hastig wandte er den Kopf und sah sein Gegenüber an, welches hinter dem Feuer
und dem langsam bräunenden Fleisch kauerte und scheinbar irgendwie nervös war.
„Instinkt? Ich weiss es nicht…“
Wayesh lächelte ein wenig unsicher, doch als das Lächeln erwidert wurde
vergrösserte sich seines von selbst.
Am besten sagte er ihr die Wahrheit nicht… Am besten gar nie.
Immer wieder sah Naliaka nervös in der Gegend umher, zitterte und kratzte sich
am Kopf, als müsse sie sich ablenken.
„Wirklich?“
Fragte sie nach einigen Augenblicken.
„Ja“, erwiderte Wayesh.
Dann schwiegen sie sich wieder an, Naliaka in ihre Nervosität versunken und
verzweifelt umherschauend, Wayesh betrachtete die im Mondlicht leuchtenden
Felder, bevor er bemerkte, dass das Fleisch gar war.
Hastig nahm er das zubereitete Tier am dem Feuer und machte sich mit einem
Dolch daran, die besten Teile herauszuschneiden.
Ein Stück des Hinterbeines reichte er Naliaka, er selbst nahm sich selbiges vom
anderen Bein.
„Sollen wir die ganze Antilope essen?“, fragte sie, eine Augenbraue hochziehend
und ein Stück abbeissend.
Wayesh lachte.
„Nein, nicht wirklich… Das meiste soll die Raubtiere von uns ablenken, wenn wir
schlafen. Man kann nie wissen, was sich an einen heranpirscht…“
„Achso…“, murmelte Naliaka plötzlich nachdenklich, während sie auf dem zarten
Fleisch der jungen Antilope herumkaute.
Noch immer machte sie einen nervösen Eindruck, der Wayesh verwunderte, aber
auch ein wenig amüsierte.
„Was ist mit dir los?“, fragte er, einen kleinen Bissen essend.
„Nichts…“
Er schüttelte den Kopf und hakte nach:
„Du zitterst bestimmt nicht Grundlos. Bitte, sag mir, was du hast!“
Naliaka seufzte, ein wenig weinerlich, ein wenig genervt.
Sie redete nur ungern darüber, und doch wäre es unfair ihrem Retter gegenüber,
ihn nicht zu Informieren.
„Du weißt ja scheinbar, was mit meinen beiden ehemaligen Besitzern geschehen ist…
Und ich habe Angst, dass das wieder geschehen könnte.“
Verwundert sah ihr Begleiter sie an.
„Erzähl es mir, Naliaka.“
Ein freches Lächeln umspielte plötzlich ihre Lippen.
„Ich dachte, du wüsstest es? Jedenfalls hat es heute sehr danach geklungen!“
Wayesh schüttelte beschämt den Kopf, wobei seine schulterlangen, dunklen Haare
sich wie eine Kaskade über seinen Kopf ergossen.
„Nein, entschuldige… Ich habe das nur gesagt, um dem Händler alle Argumente zu
nehmen.“ Nun lächelte auch er frech.
„Nun gut“, erwiderte Naliaka mit einem wiederum deprimierten Ton, „ich werde es
dir erzählen…“ Wayesh nickte, erhob sich, ging um das Feuer herum und setzte
sich neben Naliaka wieder hin.
„Sie sind beide tot… Nur wenige Tage nachdem sie mich gekauft hatten wurden sie
an einem Morgen jeweils zerfetzt und nicht mehr identifizierbar im Raum
verteilt gefunden. Ich weiss nicht was es ist oder wie es kommt, aber irgendein
Unglück verfolgt mich… Und da ich nicht will, dass du auch so endest, habe ich
Angst.“
Verstört und im Schein der Flamme errötend blickte sie ihn an, ihre Augen
leicht wässrig und den Kopf in den Händen haltend als würde sie
zusammenbrechen, täte sie es nicht.
Wayesh wusste nicht, wie er antworten sollte, was er tun sollte… Er wusste
nicht einmal, ob er Naliaka ansehen sollte.
„Das meinte er also mit „Du bringst nur Ärger“…“, murmelte er ein wenig
gespielt erstaunt.
„Ja genau das… Und ich weiss nicht, was es ist, ich weiss nicht, wieso gerade
ich es bin, die damit verflucht wurde!“
Verzweifelt schluchzte sie, und Wayesh hätte Naliaka in diesem Augenblick am
liebsten in den Arm genommen, getröstet und ihr gesagt, dass sich alles richten
liesse.
Eine Träne kullerte ihre Wange hinab und fiel hinunter ins kurze Gras unter ihr.
„Mach dir nichts daraus, Naliaka… Es wird schon gut gehen, heute jedenfalls.
Und morgen werden wir in Wanakye sein und uns dort beraten.“
Erneut schluchzte sie und versuchte zu lächeln.
„Danke…“
Wayesh lächelte und legte ihr seine Hand auf die Schulter. Zumindest dieses
Recht nahm er sich.
„Kein Problem… Du solltest versuchen, zu schlafen, denn der Kummer zerfrisst
dich nur und bringt dich nicht weiter.“
Beschämtes Nicken und Schweigen folgte und kurze Zeit später befolgte Naliaka
Wayeshs Rat.
Auch Wayesh selbst legte sich Schlafen, um am nächsten Morgen die Reise in
gutem Zustand antreten zu können.
Bereits früh am Morgen wurden die beiden aus dem Schlaf gerissen. Ayan war
zurückgekehrt und hatte sie mit sanftem Wiehern geweckt.
Die beiden redeten nicht über den vergangenen Abend, es schien alles gesagt und
nichts passiert zu sein.
Sofort nach dem Aufwachen waren sich Wayesh und Naliaka einig gewesen, gleich
loszureiten, denn Wanakye war ein ganzes Stück weit entfernt.
So hatten sie hastig ihre Sachen gepackt und die Pferde gesattelt und waren gleichzeitig
mit der Sonne abgereist.
Eine etwas stärkere Brise herrschte an dem Tag, doch sie störte nicht – Sie
erfrischte die Pferde und prickelte auf der Haut der Reiter, was sich durchaus
als angenehm bezeichnen liess.
Noch immer machte Naliaka einen etwas angeschlagenen Eindruck, doch Wayesh
wollte sie nicht darauf ansprechen… Er war sich sicher, dass es ihr dann nur
noch schlechter ginge.
Ohnehin zweifelte er Zahayks Beweggründe an, doch es war unklug, mit einem der
wenigen Hexenmeister auf Kimbal anzubiedern.
Wayesh hätte Naliaka am liebsten alles erzählt, die ganze Wahrheit, doch das
wäre eigentlich nur Selbstmord gewesen.
Zahayk erfuhr alles. Und gefiel ihm etwas nicht, ging er über Leichen.
„Woran denkst du?“, fragte Naliaka plötzlich und lächelte Wayesh an.
Sie ritten in leichtem Trab, sodass sie zügig vorwärts kamen und nebenbei die
Reisezeit mit ein wenig Konversation verkürzen konnten.
„Nichts…“, murmelte Wayesh und fühlte sich ertappt.
Naliaka grinste und fuhr fort:
„Wohin bringst du mich eigentlich?“
„Nach Wanakye“, erwiderte Wayesh, froh darüber, dass sein Begleiterin das Thema
selbst gewechselt hatte, „einem Dorf am Fusse des Kyake. Ich bin der Sohn von
Häuptling Zyhrik, also haben wir bestimmt genügend Mittel, dir zu helfen.“
Erfreut nickte sie.
„Sind die Leute in dem Dorf… Ängstlich? Ich meine, im Sinn von Aberglauben oder
dergleichen…“
Nach kurzer Überlegung schüttelte Wayesh den Kopf.
„Ich denke nicht. Aber man kann nie wissen, erzähl also am besten niemandem von
deinem Problem…“
„In Ordnung.“
Naliaka gab ihrem Pferd einen leichten Klaps, sodass dieses in einen Galopp
überging.
Ayan mochte der Stute problemlos hinterher, und so jagten die Pferde sich
wiehernd über die Ebene, während ihre Reiter lachend versuchten, ihre Pferde
dazu zu bringen, einander überholen.
So verging der Tag, die beiden ritten unentwegt, manchmal im Galopp, manchmal
nur im Trab oder trotteten sogar, wenn sie ein Gespräch hatten.
So
lernten sie sich im Laufe des Tages besser kennen, und Wayesh hätte Naliaka den
wahren Grund für den Kauf noch lieber gesagt als zuvor.
Auch sie selbst wollte Wayesh sagen, was es mit dem „Unglück“ auf sich hatte,
doch wusste sie genau, wie die meisten Menschen darauf reagieren würden… Und
auch Wayesh traute sie einen Mord zu, obschon er ein liebenswerter,
freundlicher Mann war.
„Wir sind bald da“, schloss er, als sie an einem etwas breiteren Bach als
üblich entlangritten.
In der Ferne war längst der Kyake, der einzige Berg auf Kimbal, sichtbar
geworden, und schon kurz darauf waren die ersten Häusersilouhetten gut
erkennbar gewesen.
Der Ritt würde noch ungefähr zehn Minuten dauern, bis Wayesh sich zuhause
wähnen und Zahayk bericht erstatten konnte.
Zahayk Bericht erstatten MUSSTE…