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Blutssiegel - Kapitel 3

2006-02-02 @ 21:13 in Längere Geschichten

Hmmm... Die Zeilenabstände sind seltsam, aber John Wayne. Viel Spass :)

3. Wanakye

Die Menschen in Wanakye waren zumeist einfache Arbeiter, die ein wenig mehr zu den Göttern hielten als es ihnen gut tat und ein wenig mehr an Übernatürliches glaubten, als dass es nicht automatisch zu Angst mutiert wäre.

Um es kurz zu fassen: Sie waren normale Menschen, die sich nichts als ein schönes Leben ersehnten.

Die Männer gingen morgens an ihre Arbeit, die Frauen kümmerten sich um den Haushalt. Tagsüber konnte man auf dem leicht buckligen, fruchtbaren Boden Kinder spielen sehen.

Wayesh mochte weder Dörfer noch ihre Einwohner.

Die „Zivilisation“, die ohnehin nur schwach vertreten war, bedeutete ihm nichts. Sein Lebensraum waren die endlosen Ebenen, wo es alles gab, was man zum Überleben brauchte.

Bedächtig schritt er die Stufen zum zweiten Stock des Häuptlingshauses empor, sein Vater war samt Leibgarde auf Reisen. Somit hatte Wayesh für einige Tage die Befehlsgewalt über Wanakye… Praktisch, wenn ein Unglück geschähe.

Naliaka hatte er Tehyme anvertraut, einer Matrone, die an einem Tisch Platz für zwei brauchte. Das Gute an diesem furchteinflössend voluminösen Menschen war, dass er auch das Herz von zweien hatte – Wie eine Mutter war Tehyme. Seit Wayeshs leibliche Mutter gestorben war, hatte sich die mittlerweile ergraute Tehyme bestens um ihn gekümmert und war in jeder Angelegenheit hinter ihm gestanden.

Er wusste, dass Naliaka bei ihr bestens aufgehoben war.

Oben angelangt öffnete Wayesh die Tür seines Gemaches und trat ein – Gemach war schon beinahe zuviel gesagt, denn es war nichts als ein weiss gestrichenes Mörtelzimmer mit einem Fenster, einer Kleidertruhe, einem massiven Bett und einem Schreibtisch.

Der Sohn des Häuptlings machte sich nicht viel aus Habseligkeiten… Er erfreute sich an anderem.

Seufzend öffnete er die Truhe und begann, zwischen den darin liegenden Kleidern umherzuwühlen.

Ganz zuunterst musste sein, was er suchte…

Er war sich absolut sicher, es nicht verloren zu haben, denn hätte er das getan, wäre er längst tot.

Mit solchen Gedanken im Hinterkopf wühlte er noch schneller, bis er endlich auf etwas Kaltes, Rundes stiess und dieses Etwas hastig herauszog.

Es war eine Glaskugel, die auf einem einfachen Metallgestell befestigt war.

Wayesh wandte sich um und liess die Truhe offen, dann stellte er die Kugel aufs Pult und begann erneut, in der Kiste zu wühlen, bis er eine Phiole mit roter Flüssigkeit herauszog und die Kiste nun verschloss. Erneut kehrte er zum pult zurück, setzte sich diesmal jedoch auf den Stuhl und blickte kurz zur Tür heraus ob niemand in der Nähe war, bevor er sie leise schloss.

Nach dem entkorken der Phiole träufelte Wayesh einige Tropfen der Flüssigkeit auf die Kugel, die verheissungsvoll schimmernd vor ihm stand.

Nichts geschah.

Die paar Tropfen kullerten auf normale Art und Weise das Glas herab und waren drauf und dran, das Hartholz zu beschmutzen, als sich plötzlich etwas tat: Die Kugel glühte kurz auf, dann drangen Tropfen in sie ein – In ihrem Inneren ging die Reise für die Flüssigkeit jedoch weiter, die einzelnen Tropfen zogen sich in der Mitte zusammen und bildeten eine schwummrige, rote Kugel in der Mitte der durchsichtigen Glassphäre.

Wayesh kannte diesen Prozess schon viel zu lange… Müde sah er zu, wie das Rot sich ausbreitete und allmählich die ganze Kugel ausfüllte, bis diese in ein allumfassendes, mattes Bordeaux getaucht war.

Ein Effekt, als fiele ein Tropfen in eine Pfütze, zeigte sich plötzlich in der Mitte der Sphäre. Erst nur einmal, dann zweimal und plötzlich immer mehr, bis sich ein konstantes Bild im Glas formte und ein Gesicht sich abzuzeichnen begann:

Mickrige Züge, langes Kinn, Stupsnase und derart eingefallene Augen, das das Schwarz um sie herum das halbe Gesicht einzudecken schien.

Die Augen selbst waren, trotz dem verfärbenden Rot, undefinierbar: In braunem Untergrund legte sich ein blauer Schatten über ein grünes Muster.

Das ganze sah ziemlich furchterregend aus, wenn man Zahayk zum ersten Mal sah… Alleine schon die eng zusammengepressten, dürren Lippen sprachen Bände von Bitterkeit.

Das Einzige, was das Gesicht des Hexenmeisters einigermassen Menschlich erscheinen liess, waren die strähnigen, weissen Haare, die unkontrolliert zu allen Seiten den Kopf hinab hingen.

Wayesh, was für eine angenehme Überraschung…

Ein hämisches Grinsen legte sich auf das gespenstische Gesicht in der Sphäre.

„Nicht meinerseits.“, erwiderte Wayesh trocken und hätte die Kugel am liebsten zerschmettert.

Was führt dich zu mir?

Zahayks Tonfall hatte sich im Nu geändert. Das Grinsen war erloschen und der heuchlerische Ton verstummt. Die Stimme erklang nunmehr kratzig in Raum.

„Ich denke, ich habe, was du suchst.“

Soso… erstaunlich, dass es so etwas überhaupt noch gibt. Nun, ich vertraue dir einfach einmal und gehe davon aus, dass er wirklich das ist, was du denkst, erwiderte die Stimme aus der Kugel, während man dem Kopf die Gier ansehen konnte.

„Was soll ich tun?“, fragte Wayesh, darauf hoffend, Naliaka nicht schaden zu müssen.

Das Gesicht in der Sphäre lächelte arrogant und sagte:

Verkenne da nicht eine Spur Hoffnung in deiner Stimme?

Wayesh schüttelte den Kopf.

„Nein. Und nun sag mir, was zu tun ist, Zahayk.“

Gutgut, antwortete der Hexenmeister, als nächstes wirst du dir notieren wie er sich bewegt, wie er aussieht und ob an ihm irgendetwas Auffälliges zu erkennen ist.

In ein paar Tagen schickst du deine Recherchen per Falke an Konry Zekya im Tempel der Jahya. Er wird deine Arbeiten dann an mich weiterleiten.

Der Häuptlingssohn nickte widerstrebend. Dass der Hohepriester Konry Zekya ein Kontaktmann Zahayks war, war nicht verwunderlich. Auch die Nähe zu den Göttern schützte niemanden vor der Hexerei, die der wahre Alleinherrscher über Kimbal war.

„In Ordnung, in einigen Tagen werde ich das Dokument versenden.“

Triumphierend legte Zahayk den Kopf schief und betrachtete Wayesh inniger als normal.

Sehr gut… Und ich warne dich nur einmal. Tue nichts, was meinen Studien schaden könnte, sonst wirst du es den Rest deines Lebens bitter bereuen.

Sofort verzerrte sich das Bild und mit einem Mal war die Farbe aus der Kugel entwichen und das Glas wieder klar und durchsichtig… Von dem eben geführten Gespräch würde nie mehr irgendjemand erfahren. Und Wayesh war froh darüber, wenn er bedachte was passieren konnte, wenn er aufflog…

Naliaka mochte die alte Tehyme gut leiden.

Es war eine sehr freundliche, aufgeschlossene Person, die der Neuen im Dorf kurzerhand etwas zu Essen gegeben und ihr ein schönes neues Kleid geschenkt hatte, welches in diversen Beigetönen aus dem schönsten Stoff geschneidert worden war, den die Bediensteten der Häuptlingsfamilie hatten finden können.

Da das Kleid jedoch eher zur Eleganz dienen sollte, wollte Tehyme Naliaka noch eine passende Seitentasche geben, nach der sie nun eine gewaltige Truhe durchsuchte.

„Einen Moment, Kindchen, da wird wohl noch etwas zu finden sein“, murmelte sie, während sie sich tief in den massiven Behälter hinunterbückte und den Anschein machte, als wolle sie darin tauchen gehen.

„Gib mir sonst einfach die Nächstbeste, wirklich, ich achte nicht auf Mode!“, erwiderte Naliaka schmunzelnd und fand es drollig, wie die alte Frau sich um ihr Wohlergehen bemühte. Diese schien sie jedoch zu ignorieren und zog nach kurzem Warten eine ansehnliche, erdbraune Seitentasche hervor, deren Riemen man einfach über die Schulter tragen konnte und in der sich viel Platz für allerlei Dinge befand.

Dankend nickte Naliaka und legte sich die Tasche um. „Nun, Tehyme… Ich hätte noch eine Frage.“

„Die wäre?“, fragte die alte, freundlich aussehende Frau, Naliaka anlächelnd.

„Was will Wayesh eigentlich?“

„Oh, das weiss ich nicht genau“, erwiderte Tehyme achselzuckend, „er weist niemanden in seine Pläne ein, nicht einmal seinen Vater… Manchmal kommt es deswegen zu Streit, doch kurze Zeit später entschuldigt Häuptling Ergon sich und alles wird wieder wie vorher… Obwohl er ja meist Recht hat.“

„Ah“, antwortete Naliaka stirnrunzelnd und wollte noch etwas fragen, als es an die Tür klopfte.

„Wer ist da?“, rief Tehyme, wohl wissend dass es wohl nur einer sein konnte, der an die Gästezimmertür klopfte…. Eine Männerstimme erklang von draussen:

„Wayesh.“

Hastig schickte sich der freundliche Fleischberg an, die Tür zu öffnen und den Häuptlingssohn einen Blick auf Naliaka werfen zu lassen. Das Staunen war kaum zu Übersehen.

„Du siehst… blendend aus!“

Sie errötete ganz leicht, doch Wayesh lenkte das Gespräch hastig um.

„Naliaka, ich würde dir gerne das Dorf zeigen… Nur damit du weißt, wo du was findest, in deiner neuen Heimat.“

Er lächelte charmant und legte Naliaka fürsorglich einen Arm um die Schulter, während er sie aus dem Raum in die Eingangshalle und durch das ziemlich grosse Tor auf den Weg zum Dorf führte.

Wanakye war ziemlich einfach aufgebaut: Am Fusse des Kyake waren die Häuser der Bewohner angesiedelt, von wo aus ein säuberlich gearbeiteter Weg, auf dem notfalls sogar ein Karren bequem heraufgezogen werden konnte, hinauf zur Häuptlingsresidenz führte, welche von Aussen dezent an einen Tempel erinnerte.

Von diesem eher kleinen Plateau aus führte wiederum ein verschlungener Pfad durch zwei grosse Felsen hindurch, den Kyake empor.

Der Berg selbst war knappe tausend Meter hoch und von einer völlig eigenen Flora bewohnt: Bergwälder aus Nadeltannen, viele eigentümliche Tiere und etliche uralte Ruinen, von denen niemand genau wusste, woher sie stammten.

Naliaka mochte Wayeshs Nähe. Bei den meisten Menschen empfand sie Abneigung, wenn sie Körperkontakt herstellen wollten, doch dieser ominöse Mann hatte eine solche Ausstrahlung, dass es ihr nicht einmal etwas ausgemacht hätte, wenn er sie hätte umarmen wollen… Eher im Gegenteil.

So schnell es nur ging vertrieb Naliaka den Gedanken wieder und sah Wayesh grinsend an, während er verträumt in den Himmel starrte und noch immer einen Arm um ihre Schulter gelegt hatte.

„Es tut gut, gehalten zu werden, wenn man Jahrelang nur abgestossen worden ist“, bemerkte sie, noch immer grinsend und zog somit Wayeshs Aufmerksamkeit auf sich.

Leicht schüchtern lächelte er und antwortete:

„Es tut gut, jemandem zu Helfen.“

Sie beide lachten kurz und setzten dann ihren Weg den Hügel hinab fort – Kurz darauf waren sie im Dorf angekommen und wähnten sich zwischen einfachen, blockförmigen Lehmbauten, etwa zwanzig an der Zahl, die rund um einen geebneten und gemähten Platz Standen, in dessen Mitte sich ein Ziehbrunnen befand.

Kinder Spielten lachend Ball, Fangen oder fochten mit Holzschwertern vergnügliche Freundschaftskämpfe.

Unter gespannten Tüchern, die eine schattige, bequeme Nische unter den Hauseingängen erzeugten, sassen ältere Menschen, unterhielten sich oder gingen leichten Arbeiten wie Nähen, Schnitzen oder dem Knoten von Seilen nach.

„Wie überleben die Leute hier? Vegetieren sie nicht in Armut?“, fragte Naliaka erstaunt, als sie die kleinen Häuschen und einfachen, aber zufriedenen Menschen sah, die ihrem Tagwerk nachgingen.

„Keineswegs. Ihr Leben mag schlicht aussehen, doch sie haben alles was sie brauchen und beschweren sich nie. In Wanakye kennt jeder jeden, und so macht es den Händlern meist nichts aus, wenn jemand gerade nicht genügend Geld hat. Sie haben ein schönes Leben, weil sie einander zu Helfen wissen.“

Interessiert über den einfachen Lebensstil der Bewohner von Wanakye blickte sich Naliaka um – Und musste am Ende Wayesh Recht geben.

Diese Leute sahen Glücklich aus.

Sie waren keine Sklaven des Lebens…

Dieses Bild machte ihr insgeheim Angst.

Eine wohlbekannte Furcht beschlich Naliaka, doch im Schlimmeren Mass als je zuvor: Sie hatte Angst, diesen Frieden, diese ländliche Ruhe zu zerstören.

Dass sie die Macht dazu hatte war ihr bekannt, doch wollte sie diese nie einsetzen… Sie hatte nie das sein wollen, was sie war, was in ihr Lebte, was ihre Seele verfluchte und auf ihr Selbstwertgefühl spuckte wie schon so mancher Mensch und so manches Gefühl in ihrem Leben.

„Haben sie… Waffen?“

„Warum?“

Fragend sah Wayesh sie an und es machte den Anschein, als würde er Naliaka fester an sich pressen.

„Weil…“ Wieder wurden ihre Augen wässrig und sie schaute beschämt auf dem Boden.

„Blödsinn“, erwiderte Wayesh lächelnd und legte sanft seine freie Hand unter Naliakas Kinn, bevor er ihr Gesicht mit leichtem Druck so wandte, dass sie sich in die Augen sahen.

„Ich werde dich nicht sterben lassen. Lieber sie als du…“

Noch bevor das Gespräch weitergehen konnte, wurde es unterbrochen.

Erschrocken wähnten die Beiden eine Horde Kinder vor sich und so manch einer, der im Schatten seines Vordachs sass, schmunzelte wissend.

„Herr Wayesh!“, begann ein rund zehnjähriger Junge, der ein Holzschwert in der Hand hielt, „habt Ihr eine Geliebte?“

Fast zeitgleich erröteten Naliaka und Wayesh, und zu Naliakas Überraschung erwiderte Wayesh: „Ja Kabey, das ist meine Geliebte. Sie heisst Naliaka und kommt aus Syskay.“

Einen Moment lang überlegte die „Geliebte“, ob sie intervenieren sollte, kam jedoch zum Schluss, dass Wayesh bestimmt wusste, was er tat.

„Wann werdet Ihr heiraten?!“, rief plötzlich ein kleines Mädchen mit wilden braunen Locken. „Im Moment wissen wir das noch nicht, aber wenn wir uns entschliessen, werdet ihr es natürlich erfahren!“

Wayesh lachte und fügte noch hinzu:

„Ich wollte aber eigentlich Naliaka die Stadt zeigen. Wenn ihr uns also entschuldigen würdet…“

Die Kinder nickten und kehrten schon sehr bald zu ihren Tätigkeiten zurück.

„Seit wann bin ich denn deine Geliebte, Schatz?“, witzelte Naliaka frech und gab Wayesh einen sanften Klaps auf die Schulter.

Er sah sie an, noch immer mit dem Arm um ihre Schulter und erwiderte:

„Eine Fremde, dich ich in einer Stadt aufgelesen habe und den Grund dafür selbst nicht kenne gerät schneller in Verruf als die Zukünftige Häuptlingsfrau… Liebling.“

Ein Grinsen zierte seine maskulinen Züge und Wayesh führte die hell lachende Naliaka weiter.