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Blutssiegel

2006-01-08 @ 16:37 in Längere Geschichten

Hier ist mein erstes vollendetes, längeres Werk... 36 DIN A4 Seiten bei
Schriftgrösse 12. Jede Woche wird hier ein neues Kapitel zu lesen sein.

Die Sonne schien hell auf die von Weideland umgebene Stadt Syskay. Zwischen den blockförmigen Lehmbauten und den landestypischen, bunten Laubbäumen herrschte reges Treiben: Auf dem allwöchentlichen Markt priesen Gemüse-, Fleisch- und Stoffhändler ihre Waren an, weissbärtige Geschichtenerzähler sassen auf ihren verzierten Teppichen, die Bücher auf altersschwachen Knien aufgeschlagen und Horden von begeisterten Kindern vorlesend. Sklavenhändler stellten auf Bühnenartigen Holzgebilden ihre lebende Ware zur Schau und im Allgemeinen waren die Leute an diesem Tag sehr geschäftig – Wie jeden Markttag.
Wayesh befand sich ebenfalls unter den Betrachtern der in Fetzen gekleideten Menschen, die sich vor Hunger, Durst und sonstiger Auszehrung kaum noch auf den Beinen halten konnten, von den kurzen Ketten der Halsschellen jedoch zum stehen gezwungen der Masse zur Schau gestellt wurden.
Hier stand ein hünenhafter Sklave für dreitausend Goldstücke zum Verkauf, andernorts eine hübsche, junge Frau, deren Besitz dem Käufer fünfhundert Münzen weniger als ihrem Vorgänger abverlangte.
Alles schon gesehen, alles schon zu genüge und mit Klarheit abgelehnt. Wayesh hatte sich noch nie für die Art Sklave interessiert, die es auf jedem beliebigen Markt zu kaufen gab… Er benötigte etwas Anderes.
Etwas, das man nur mit Glück finden konnte, wenn man es denn überhaupt irgendwie finden konnte…
Schon seit Stunden betrachtete der Häuptlingssohn die zum Verkauf ausgestellten Diener, doch keiner der Unglücksraben entsprach seinen Wünschen.
Betrübt ging Wayesh der Menschenmasse entlang, manchmal auf die diversen Sklaven schauend, manchmal nicht. Im Grunde war es immer dasselbe: Er besuchte jeden Markt und wurde dennoch nie fündig. Langsam wurde er des Suchens überdrüssig, es machte den Anschein, als gäbe es das was er suchte überhaupt nicht, als wären die langen Monate des Fahndens nach dem Ziel reine Zeitverschwendung gewesen.
Er hatte es satt… Niedergeschlagen machte sich Wayesh zurück auf den Weg zu seinen Pferden. Das Eine würde wieder ohne Reiter bleiben…
Abrupt blieb er stehen.
„Heute Abend wirst du sterben!“, hatte der Häuptlingssohn plötzlich eine nervöse, hohe Stimme sagen hören. Sie konnte nicht weit entfernt gewesen sein, denn wäre sie das gewesen, so hätte ihr Besitzer laut genug schreien müssen, um viele Dutzend feilschende Händler und Kunden zu übertönen.
Wayesh machte verwundert einige Schritte rückwärts, nachdem er gerade hinter der Holzwand einer „Sklavenbühne“ verschwunden war.
„Immer hat man nur Ärger mit dir! Nichts als ÄRGER!“
Ein lautes Geräusch von Holz, das auf Holz schlug, war zu vernehmen und endlich erkannte Wayesh, wo sie die Szenerie abspielte, die er einige Sekunden vergeblich mit seinen klugen, blauen Augen gesucht hatte:
Ein dicker, untersetzter Mann in einem modischen Männerkleid, der eine in eine Ecke eines Holzkäfigs gedrängte Frau anschrie und mit einem massiven Knüppel gegen die Gitterstäbe schlug war die Lärmquelle, welche das Theater direkt auf der anderen Seite der Wand in einer Ecke vorspielte.
Der Sklavenhändler interessierte Wayesh jedoch kaum, vielmehr war es die Frau im Käfig, die seine Aufmerksamkeit auf sich zog.
Das verängstigte, und doch apathische Zucken, das bei jedem Schlag gegen den Käfig zu erkennen war, die gezwungen kauernde und doch aufmüpfige Haltung und das schweigende Trotzen sagten ihm zu.
Nun wagte er sich doch noch ganz hinter der Trennwand hervor und betrachtete die Lage etwas genauer:
Weshalb die Schönheit im Käfig in selbigem, und nicht an einem Vorzeigepfahl war, war dem zur Heimreise gestimmten Mann ein Rätsel… Wayesh ertappte sich dabei, wie er unentwegt diese Sklavin anstarrte, wie sie verschüchtert und doch nicht ganz resigniert auf die Beschimpfungen und Wuthiebe ihres Besitzers reagierte.
Der Häuptlingssohn machte sich nichts aus der Sklaverei, doch war sie der einzige Weg, an das heranzukommen, was er wollte, sofern er es je finden konnte… Was er fühlte, getan zu haben.
Noch einige Augenblicke betrachtete er das Schauspiel und ging dann, entschlossen und kühl wie er üblicherweise war, auf den hochroten Händler zu.
Etwa zwei Meter vor ihm blieb er dann stehen und lächelte, wie man es meistens bei den Erzählungen eines faszinierten Kindes tat.
„Genug habe ich von dir! Ich sage dir, genug!“
Zornig hieb der Mann weiter auf den Käfig ein, bevor Wayesh gespielt verlegen hüstelte und sich der puterrote Händler zu ihm umwandte.
Wäre sein rundes Gesicht nicht bereits von der Farbe einer Tomate gewesen, wäre er wohl spätestens jetzt errötet.
„Ich möchte gerne mit Euch handeln.“, begann Wayesh.
„Oh, ich hätte da Einige gute Sklaven zu anständigen Preisen anzubieten, mein Herr! Wenn Ihr mir doch bitte auf die Schaubühne folgen möchtet...“ Mit honigsüsser Stimme deutete der Händler auf einige der Sklaven auf der Bühne.
„Nein“, erwiderte Wayesh und winkte belächelnd ab, „Ich bin eher an dieser hier interessiert.“
„Sie ist nicht zum Verkauf, entschuldigt!“
Diesmal war es der Verkäufer, der abwinkte. Sein schleimiger Tonfall hatte sich innert kürzester Zeit in eine bittere, kalte Verneinung umgewandelt.
Kein guter Sklavenhändler, fand Wayesh, und hakte nach:
„Ich habe vorhin ziemlich deutlich vernommen dass Ihr vorhabt, sie zu töten… Es brächte Euch doch auch mehr, mein Geld in Euren Taschen zu wähnen, als Eure Hände mit dem Blut einer minderwertigen Sklavin zu beschmutzen? Kommt schon, ich biete Euch tausend Goldstücke für sie.“
Einen Moment lang schien der Dicke zu überlegen, schüttelte jedoch gleich darauf energisch den Kopf.
„Nein, nicht zu verkaufen.“
„Tausendzweihundert Goldstücke!“
„Nein.“
„Tausendfünfhundert!“
Erneut schien der Händler zu überlegen. Wayesh nutzte die kurze Gelegenheit, um zu bemerken, dass die Frau im Käfig angespannt dem Gespräch lauschte.
Aus dieser kurzen Distanz war sie sogar noch begehrenswerter als der Häuptlingssohn anfangs gedacht hatte.
Ausdrucksvolle, smaragdgrüne Augen, schwarzes, glattes Haar und eine natürliche, leicht bräunliche Hautfarbe liessen den Reisenden nicht verstehen, weshalb der Händler diese Frau nicht zu Überpreisen an den Nächstbesten verkaufte und sich ein schönes Leben machte. Was danach geschah, blieb ja nicht an ihm hängen…
„Glaubt mir, mein Freund, dieses Geschöpf bringt nichts als Unglück und Ärger… Schon zwei Mal habe ich sie verkauft, und beide Male habe ich sie nach einigen Tagen wieder aufgegabelt. Ihre Besitzer…“
„Das ist mir egal“, unterbrach Wayesh abrupt und der Sklavenverkäufer sah ihn fragend an.
„Wollt Ihr nicht zuerst zu Ende hören, bevor Ihr voreilig zu Handeln gedenkt?“
Wayesh schüttelte den Kopf.
„Ich denke ich weiss, was Ihr mir erzählen wollt. Und das ist mir egal…“
„So etwas kann Euch nicht egal sein. Entweder Ihr wisst nicht, was Ihr denkt, oder Ihr seid ein Irrer.“
Eine kurze, andächtige Pause folgte, in der die Diskutierenden sich musterten, unablässig anstarrten und am Ende Wayesh weiterfuhr:
„Zweitausend. Das Letzte Angebot eines Irren, bevor Ihr euch sein Geld nur noch Träumen werden könnt.“
Der Händler seufzte.
„Nun gut. Ich gebe sie Euch für zweitausend… Aber lasst Euch eines sagen: Ihr werdet diesen Handel noch früh genug bereuen, mein Herr.“
Ohne ein weiteres Wort zu verlieren kramte Wayesh einen Geldbeutel aus einer der vielen Taschen an seinem Reisekleid hervor und drückte sie in die feuchtwarme, fette Hand des Händlers.
Diesem schien das Nachzählen nicht wichtig zu sein. Hastig öffnete er den Käfig und bot dem neuen Besitzer der Sklavin den Griff der Halsschelle an.
„Macht sie bitte los. Und auch die Handschellen.“
Verwirrt starrte der Sklavenverkäufer sein Gegenüber an, die Frau mit der einen Hand und den Griff mit der anderen festhaltend.
„Ihr seid der Kunde…“
Kopfschüttelnd löste er auch noch die Fesseln und die Schelle, sodass die Sklavin nun absolut frei von jeglichen Ketten war.
Schweigend rieb sie sich die Unterarme, während Wayesh sie am Arm packte, den Händler zum Abschied grüsste und sie von dem Stand fortführte.
Als die beiden etwas weiter vom Händler entfernt waren, liess er ihren Arm los und stellte sich vor sie hin.
„Wie heisst du?“, fragte er in ernstem, sicherem Ton.
Zuerst passierte nicht viel, um nicht zu sagen nichts.
Die Sklavin rieb sich die Handgelenke und den mit einem nun roten Streifen versehenen Hals und blickte auf den Boden.
Wayesh wusste nicht, ob ihr die Begegnung unangenehm war, und plötzlich kamen Zweifel in ihm auf. Hatte er falsch gehandelt? Wäre sie, dieser namenlose, kürzlich noch todgeweihte menschliche Gegenstand doch lieber gestorben?
Es war nicht das Ziel, ihren Willen zu brechen. Zu Beginn hatte der Reisende noch gar nicht darüber nachgedacht. Er hatte sie nur gesehen und vom ersten Blick an gewusst, dass er sie hatte haben wollen.
Zahayk hatte Recht gehabt. Ihresgleichen waren schwer zu finden und noch schwerer zu verstehen, geschweige denn, sie dazu zu bringen, einen zu akzeptieren.
Ein seufzen entfuhr Wayesh und er sah die Schönheit ihm gegenüber noch konzentrierter an als zu Beginn. „Wie heisst du?“, wiederholte er seine Frage, irgendwie in seinem innersten durch eine fremdartige Sicherheit getrieben, nicht darauf hoffend, eine Antwort zu erhalten.
Jede einzelne Pore auf ihrem Gesicht schien Wayesh in seinem Gehirn zu speichern, sie aufzunehmen und für immer in Erinnerung zu behalten.
Trotzdem erwies sich seine fehlende Hoffnung als angebracht: Sie schwieg wie ein Grab, schaute zu Boden und rieb sich die schmerzenden roten Streifen an Hals und Armen.
Erneut seufzte er und zog sie sanft am Oberarm mit sich durch die Menschenmengen der sonnigen Stadt. Die Frau schien an Kraft verloren zu haben, denn ihr Gang war vielmehr ein schwaches Torkeln als ernsthafte Schritte, und so musste Wayesh sie schon fast hinter sich herschleifen, um sie nicht zu verlieren.
Sein Ziel waren die Ställe, wo er die Pferde angebunden hatte… Es war ihm wichtig, dass seine Begleiterin die Reise überstand, weswegen er absichtlich zwei Pferde mitgenommen und genügend Nahrung und Wasser für mehrere Tage auf sie geladen hatte.
Durch die Menschenmassen hindurch erkannte Wayesh nur das Strohdach der Gemeinschaftsstallungen, die direkt beim Ausgang angelegt waren.
Der Schritt seiner Begleiterin schien sich etwas normalisiert zu haben möglicherweise war es nur das lange, gezwungene Sitzen und die Anspannung gewesen, die ihr die Kraft aus dem Körper genommen hatten.
Durch Menschenmengen hindurchschlüpfend, die Sklavin gut festhaltend und ihr doch so wenig wie nur möglich Schmerzen zufügend, rückte Wayesh dem Ziel immer näher.
Die Städte im Land Kimbal waren nie allzu gross, auch gab es nicht viele davon.
Hauptsächlich durchzog nur endlose Prärie das Land und bot den Pflanzenfressern Schutz, den Jägern Tarnung und den Menschen fruchtbares Weideland.
Wayesh liebte es, durch das hohe Gras zu reiten, Herden von Vierbeinern davongaloppieren zu sehen und die Raubtiere bei ihren Streifzügen zu beobachten.
Ausser der Naturforschung tat der Sohn des Häuptlings von Wanakye keine Arbeit, schliesslich ermöglichte der Posten seines Vaters ihm ein unbeschwertes und gutes Leben.
Endlich hatten die beiden die Stallungen erreicht und Wayesh liess die Sklavin kurz los, um die Pferde aus den Mietställen zu holen.
Ayan, Wayeshs mächtiger Rappe wieherte fröhlich, als er seinen Herrn das Tor öffnen sah und folgte brav am Zügel nach draussen.
Ohne Anstalten zu machen blieb Ayan auf dem Stadtboden stehen und wieherte erneut, als er die Frau sah, welche offensichtlich zu seinem Herrn gehörte.
Das zweite Pferd, ein weit kleineres Weibchen zeigte keinerlei Gefühl, als Wayesh es am Zügel auf die Strasse zog.
Stattdessen trabte sie neben Ayan hin und rieb seinen dünnen Pferdekopf an seinem muskulösen, gepflegten Hals.
Möglicherweise würde sie ihm im Frühjahr ein Fohlen gebären, dachte der Besitzer der Beiden schmunzelnd und hoffte gleichzeitig darauf, dass die Sklavin, die ihren Namen nicht preisgeben wollte, reiten konnte.
Geschickt begann er, ihr aufs Pferd zu helfen. Erst in den Steigbügel, dann das Bein über den Nacken des Pferdes schwingen und auf der anderen Seite baumeln lassen.
Es ging ganz leicht, wie sich herausstellte, und in einem Bruchteil der Zeit sass Wayesh seinerseits auf Ayan.
„Können wir losreiten?“, fragte der Häuptlingssohn, nicht auf eine Antwort wartend und seinen Rappen gleichzeitig zu einem leichten Trab ansetzend.
Gerade als die beiden Reiter das Tor passiert hatten, öffnete die Sklavin ihren zierlichen Mund und grinste.
„Mein Name ist Naliaka, und ein Stück weit muss ich meinem ehemaligen Besitzer bezüglich Eurer Verrücktheit schon Recht geben, Herr Wayesh.“


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