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Eine Story ohne Titel

2005-12-25 @ 21:17 in Kurzgeschichten

Der Zufall ist der einzig legitime Herrscher des Universums
-Napoleon Bonaparte

Einem Brechreiz nahe zog Aron einen Stofflumpen aus seiner Tasche und hielt ihn sich schützend vor das Gesicht.
Immerhin war sein linker Arm zu dem noch nütze, bei den Verletzungen, die ihm zugefügt worden waren, war es ein Wunder, dass er ihn überhaupt noch bewegen konnte.

Er lebte. Mit zwei Armen.

Ob sich der Soldat nun Freuen oder Schämen sollte, darüber wollte er gar nicht nachdenken, als er über das Schlachtfeld stapfte.
Mit ganzer Konzentration versuchte er, nicht auf die leblosen Leiber unter ihm zu treten, doch es liess sich alle paar Meter kaum verhindern.
Ein kühler Nordwind zerzauste Arons blutgetränktes Haar, das matt und glanzlos bis zu den Schultern hing. Gequält blieb er stehen und schweifte mit seinen Blicken über die Szenerie: Bis zum Horizont hin, in dessen Ferne sich ein spitzer Berg aufrichtete, war das frühherbstliche Gras mit Leichen bedeckt.
Teils waren sie grausam verstümmelt, manchen fehlten sämtliche Gliedmassen. Gebrochene Speere und Standarten lugten zwischen den Körpern empor, beim Gehen knickte Aron oftmals versehentlich auch Pfeile um, die in den Toten steckten.

Und wofür?

Die schwer werdenden Augen des Kriegers verengten sich, als ein Lichtstrahl in sie fuhr.
Für ein Stück Land. Für ein paar Goldmünzen. Für Ruhm und Ehre. Für die Erhaltung der eigenen Familie…
Ein extremes Unbehagen liess Aron erschaudern. Er schien meilenweit der einzige zu sein, der noch heil auf dem Schlachtfeld wandelte.

War er schuldig?

Natürlich.

Jeder Schwertstreich und jede Parade hatte seine Reinheit ein Stück weit fortgewaschen, wie ein Schwamm es in einer Schenke mit Essensresten auf einem Tisch tat.
Er hatte sich des Verrates an seinen Kameraden schuldig gemacht, denn sie waren tot und er der einzige, der noch lebte. Etwas musste er falsch gemacht haben.
Ein Stöhnen erklang aus der Nähe und der Überlebende fuhr herum.
Hatte jemand anderes sich retten können? War er doch nicht allein?
Ein Schweisstropfen rann seine Stirn hinab und er sah sich um.
Nichts. Niemand.
Plötzlich schoss etwas von unten hervor und legte sich eisern um seinen Unterarm, erschrocken schrie Aron auf und sprang instinktiv rückwärts.
Dann endlich sah er sie.
Geweitet und eisblau starrten sie ihn an, die beiden Augen, die zum Besitzer des Armes gehörten, der den Arm des Soldaten noch immer fest umklammert hielt.
Das Blutbad war im Gegensatz zu dieser Situation ein Kinderspiel gewesen – Blut war geflossen und Klingen hatten gebohrt, gehackt und geschlagen, doch alle waren durch einen gemeinsamen Leidensweg vereint gewesen, ob Freund oder Feind.
Jeder hatte den anderen verstanden, doch die Armut hatte keinen Frieden zugelassen.
„Nimm mich mit“, forderte der zwischen Leichen liegende Soldat mit schwacher Stimme. Sein Gesicht hatte wohl den Schlag eines Streitkolbens abbekommen, denn die eine Hälfte erinnerte mehr an einen rötlichen Brei als an die Visage eines Menschen. Die Knöchel in der Hand des Mannes färbten sich weiss, als Arons Reaktion ausblieb.
„Bitte…“, fügte der Verletzte an und deutete auf zwei blutige Stummel irgendwo im Leichenteppich hinter sich.
„Ich habe keine Beine mehr… Aber du kannst mir helfen!“
Das Gesicht des Mannes sprach Bände. Der Blutverlust versetzte den Sterbenden scheinbar in einen deliriumsartigen Zustand. Schweiss rann ihm in Bächen über das Gesicht und er begann zu zittern. Der Griff seiner bleichen Hand lockerte sich und Aron stand noch immer wie gebannt da. Er hatte Mühe, seine Gedanken zu verarbeiten.
Was für ein Wahnsinn war es, der die Welt beherrschte? Welcher Gott liess so etwas zu?
Eine Träne der Verzweiflung rann über sein Gesicht und er wollte einen Schritt zurückgehen, doch die Hand versteinerte in ihrem Griff erneut.
Der Sterbende schüttelte flehend den Kopf, seine Lippen zuckten.
Er wollte etwas sagen, doch die Schwäche nahm ihm selbst dazu die Kraft. Alles, was er noch konnte, war verbissen um Arons Anwesenheit zu kämpfen.
„Lass mich los!“, schrie der Soldat und versuchte, seinen Arm aus dem grausamen Schraubstock zu reissen, doch der Verblutende liess nicht locker. Seine weissblauen, glasigen Augen starrten Aron unentwegt an, als würden sie ihn Anklagen.
„LASS MICH LOS!“, schrie er erneut und Tränen lösten sich aus seinen geröteten Augen. Der Griff blieb so fest wie zuvor.
Rasend vor Panik zog Aron sein schartiges Schwert, und die Augen des Sterbenden weiteten sich noch ein Stück, als der Soldat ausholte. Mit voller Wucht versenkte Aron seine Waffe im schlohweissen Arm des Sterbenden und trennte ihn so sauber entzwei. Eine viel zu kleine Menge an Blut spritzte aus dem Stumpf und der Verletzte kreischte hell auf, den Blick noch immer auf Aron gerichtet, der nun zurückwich.
Nach einigen Sekunden des stummen gegenseitigen Anstarrens erhob der Mann am Boden ein letztes Mal den Zeigefinger der verbliebenen Hand und hauchte:
„Heute starben zwanzigtausend Menschen. Du bist der einzige Überlebende. Mörder!“
Dann sackte der Körper zusammen, die Atmung endete. Mit weit offenen Augen, die noch immer anklagend auf Aron blickten, liess der Tote das leben aus sich weichen.
Von einer Gedankenflut überschwemmt wandte der entgeisterte Soldat sich um und blickte gen Sonne.


Immerhin.


Er hatte überlebt.


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